Archive for September 2009

Deutschland, quo vadis? Teil I: Regierung

29. September 2009

Schwarz-Gelb nun also. Nach einem Wahlabend der Superlative herrscht Katerstimmung bei vielen. Eine Mitte-rechts Koalition schürt bei Teilen der Bevölkerung große Befürchtungen: CDU/FDP werden den sozialen Kahlschlag betreiben, den Staat mit ihren Steuerversprechen in die Pleite treiben, gar den Sozialstaat beerdigen. Andere träumen von Entlastungen für die Mittelschicht, einer großen Unternehmenssteuerreform oder auch vom Wiedereinstieg in die Atomenergie. Die Frage, ob und wenn ja wann große Reformen von dieser Regierung zu erwarten sind, wird heiß diskuttiert.

Die Ausgangsposition für solche Reformen ist jedenfalls gut. Denn durch den Wahlsieg in Schleswig-Holstein haben CDU und FDP nicht nur eine Bundestags-, sondern auch eine Bundesratsmehrheit. Damit kann die Kanzlerin zusammen mit Westerwelle „durchregieren“ und Steuersenkungen und Einschnitte in das Sozialsystem ohne zähe Bundesrat-Verhandlungen mit der SPD oder den Grünen durchsetzen. Schon kurz nach den Koalitionsverhandlungen wären große Reformen möglich – mit einem Führungsstil im Sinne eines Machiavellis: Wenn du als Herrscher „Unrechte“ planst, so begehe sie alle zu Beginn deiner Herrschaft. CDU und FDP könnten ihr Wahlprogramm ohne parlamentarischen Widerstand durchsetzen.

Freilich, dazu wird es nicht kommen. Denn wenn die Koalition tatsächlich große Entscheidungen wie eine breite Steuerreform trifft, wird sie diese auch gegen finanzieren müssen – und dies wird zu unpopulären Kürzungen führen. Die Quittung dafür gebe es im Mai in Nordrhein-Westfalen: Dort stehen nämlich Landtagswahlen an, die einen Verlust der Bundesratsmehrheit bedeuten würden, sollte Rüttgers nicht wiedergewählt werden. Die Opposition würde von Maßnahmen zu Lasten der Geringverdienenden, die in NRW einen überdurchschnittlich hohen Teil der Wählerschaft ausmachen, profitieren. Schon nach wenigen Monaten wäre Merkels Traum vom „Durchregieren“ vorbei.

Angela Merkel ist jedoch eine viel zu kühne Machtpolitikerin, als dass sie jetzt nach der Wahl Entscheidungen trifft, die Jürgen Rüttgers Macht in NRW gefährden könnten. Eine Wahlschlappe dort könnte nämlich an ihrer Position innerhalb der Union, die nach dem schlechten Ergebnis vom Sonntag ohnehin geschwächt ist, weiter nagen. Außerdem möchte sie auch in der neuen Koalition ihren sachlichen Stil behalten, der ihr eine hohe Popularität eingebracht hat – immerhin hat dieser Kanzlerinnenbonus einen noch herberen Stimmverlust verhindert. Schon jetzt dürfte ihr der Gedanke, eine starke Opposition gegen sich zu haben, Kopfschmerzen bereiten. Eine Stärkung der linken Parteien durch eine Mitbestimmung im Bundesrat würde die Opposition noch weiter stärken: Forderungen oder gar Blockaden der Opposition im Bundesrat könnten Merkels „Kanzlerin aller Deutschen“-Image gefährden und sie zur machtarmen, von Bundesrats-Gnaden abhängigen Pseudo-Kanzlerin degradieren – gewiss keine Rolle, in die sie gerne schlüpfen will.

Viel wird sich nach der Wahl also nicht tun. Es werden wohl eine Minderung der kalten Progression und leichte Veränderungen in den Kinderfreibeträgen und beim Hartz IV Schonvermögen kommen – alles Vorhaben, die bei der breiten Bevölkerung gut ankommen und nicht so kostspielig sind, als dass man groß Schulden machen müsste. Umstrittene Themen wie eine Reform der Sozialsysteme, eine Unternehmenssteuersenkung oder eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken werden allerfrühestens im Juni 2010, noch wahrscheinlicher aber erst nach der Baden-Württemberg Wahl 2011 angepackt werden, um die Bundesratsmehrheit nicht zu gefährden.

Einen konkreten Hinweis, dass diese Vermutungen stimmen, haben heute Recherchen der „Bild“-Zeitung geliefert: Diese berichtet, dass die CDU neben Angela Merkel, Ronald Pofalla und Volker Kauder Jürgen Rüttgers in die Koalitionsverhandlungen mit der FDP schicken will. Und dieser wird sich gewiss nicht dafür einsetzen, seinen eigenen Arbeitsplatz im Mai 2010 an die SPD abzugeben.

Die Schmidt Total Daily Reloaded Show

18. September 2009

Jetzt mal persönlich: Ich weiß nicht, was die Kommentatoren, die die gestrige Harald Schmidt Sendung dermaßen über den Klee loben, sich dabei denken. Ja, ein paar Gags waren echt nicht schlecht. Aber das gleich als Rückkehr des alten Harald Schmidts zu bezeichnen? Der hat mit Playmobil gespielt, lustige Studioaktionen gebracht und boulevardeske Gäste eingeladen. Nein, was gestern unter dem Namen „Harald Schmidt“ im Ersten Deutschen Fernsehen lief, war eine billige Kopie anderer Formate.

Sich über einen Gabriel-Versprecher a la „nicht geborene Mütter gebären nicht geborene Töchter“ lustig machen? Der Gag hätte Stefan Raab gut gestanden, und ich glaube sogar, er hätte ihn lustiger von seinem Zettel ablesen können. Rasch hintereinander politische TV-Schnipsel kommentieren? Das war nicht schnell und vor allem nicht bissig genug um an Jon Stewarts „Daily Show“ ran zu kommen. Ein nachgeahmtes Peter Scholl-Latour Interview? Für Promiveralberungen schaue ich mir lieber gleich „Switch Reloaded“ oder Martina Hill in der „heute show“ an. Filme im Form eines „Wickie und der Antichrist“ parodieren? Da hat das Internet viel, viel besseres Material zu bieten. Und wer ernsthaft meint, Schmidts neuer Sidekick Katrin Bauerfeind kommt auch nur ansatzweise an Manuel Andrack ran, der freut sich auch, wenn Paul Panzer im „Satire-Gipfel“ auftritt.

Sicher, die Sendung von Schmidt war O.K., jedoch nicht Lichtjahre weit entfernt von „Schmidt und Pocher“. Egal, wie sehr man das Duo schelten will, es war in seiner Form etwas einzigartiges und neues und manchmal sogar lustig. Das Format gestern war zwar auch manchmal lustig, aber weder einzigartig noch neu.

Hoffen wir, dass Schmidt schnell zu seiner wirklich alten Form zurückfindet. Ansonsten muss man sich ernsthaft überlegen, die neue Pocher-Show als Alternative zu schauen – und das will ja wohl niemand von uns.

Biblische Fernsehshow ohne Happy End

13. September 2009

Schon seit biblischen Tagen erfreut sich der Mensch, wenn ein David einen Goliath schlägt. Genau nach diesem Patentrezept funktioniert auch die ebenso simple wie spannende Samstagabendshow „Schlag den Raab“: Ein vom Publikum gewählter David tritt gegen den Goliath Stefan Raab an und versucht ihn in fünfzehn Spielen zu schlagen. Die Sendung steht und fällt dabei mit der Sympathie des Kandidaten. Man fiebert gerne mit einem Underdog mit, der mit großem Kampf eine Aufholjagd startet und den ehrgeizigen Raab kurz vor Ende abfängt. In diesem Sinne war die letzte Sendung vor der Sommerpause, als es um den Rekordjackpot von 3.000.000 Euro ging, ein glatter Reinfall: Man saß eher gelangweilt als elektrisiert vor dem Fernseher, da der damalige Kandidat zwar zwar ganz nett war, aber nicht cool genug, als dass man ihm gleich so viel Geld gegönnt hätte. So war der riesige Jackpot noch am ehesten ein Anreiz, nicht umzuschalten. Das Konzept „Schlag den Raab“ funktioniert einfach am besten, wenn die Sympathien klar verteilt sind.

In diesem Sinne war der Kandidat der gestrigen „Schlag den Raab“-Sendung ein Glücksgriff. Selten hat man bis zum letzten Spiel so stark mitgefiebert. Egal ob Armbrustschießen, Bahnradfahren oder Besen jonglieren, die Daumen wurden fest gedrückt – jedoch nicht für den Kandidaten. Das Prinzip der Sendung, dass man gegen Raab und für den Kandidaten ist, wurde umgedreht.

Wie konnte es dazu kommen, dass Ehrgeizling Raab gegen den Kandidaten Hans-Martin wie ein kleiner David aussah? Hans-Martin hat sich nicht in seine Underdog-Rolle gefügt, sondern zur Attacke geblasen – und überschritt dabei zu oft die Arroganzschwelle. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Nachdem er nach fünf von sechs Durchgängen beim Diskuswerfen (Danke für den Hinweis) scheinbar uneinholbar führte, fragte er süffisant, ob er überhaupt noch werfen solle. Frenetischer Applaus des Publikums, als Raab daraufhin im sechsten und letzten Versuch Bestweite warf und das Spiel gewann. Solche Anwandlungen von Überheblichkeit verzeiht das Publikum einem Medienexperten wie Raab, der genau weiß, wann er den schmalen Grat zwischen Ehrgeiz und Arroganz übertreten darf. Nicht aber einem Schönling wie Hans-Martin.

Laute Selbstmotivationssprüche Marke „Du schaffst das, Alda!“ taten ihr Übriges, und so brauchte Hans-Martin sich nicht wundern, dass das Publikum ihn gnadenlos auspfiff nach seinem Sieg im letzten Spiel, dem Münze-in-ein-Glas-Schnippen (das, nebenbei erwähnt, ein dramaturgischer Meistergriff war). Abschließend konnte man auf einen gelungenen TV-Abend zurückblicken, bei dem man dank toller Spiele und klar verteilter Rollen gut mit fiebern konnte. Einziges Manko: Goliath hat David besiegt.

Wie eine Subkultur antrat, alle anderen Subkulturen abzuschaffen

4. September 2009

“Was für eine Musik hörst du eigentlich?” Jeder Teenager, der Anfang dieses Jahrtausends aufgewachsen ist, muss sich früher oder später dieser Frage stellen. Doch so harmlos diese Frage scheint, so hat sie doch stets mehr bedeutet als die Frage nach den Lieblingsbands: Es ist die Frage nach der sozialen Gruppe, zu der man sich zählt; die Frage, ob man Hip Hopper, Metaller oder Punk ist, kurz: „Wie ist deine Persönlichkeit?“ So ordnen sich verschiedene Leute verschiedenen sozialen Systemen zu. “Subkulturen” nennt man dies und mit diesem Begriff wird eine “eine bestimmte Untergruppe der sozialen Akteure einer Kultur beschrieben (…), die sich im Hinblick auf zentrale Normen deutlich von der „herrschenden“ Kultur abgrenzt.“ Ende des letzten und Anfang dieses Jahrtausends hatten solche Subkulturen Hochkonjunktur.

Heute sieht das Ganze anders aus – jede moderne Subkultur, die sich über das Kulturgut Musik definiert, egal ob Hip Hop oder Metal, Techno oder Emo, hat mit den Auswirkungen des illegalen Downloadens von Musik zu kämpfen. Auch wenn die großen Labels so tun, als ob die Downloadkrise alle Künstler hart trifft, so richtig glauben möchte man nicht, dass Herbert Grönemeyer, Metallica oder Bushido am Hungertuch nagen. Nein, gerade kleine Künstler, die oft das Rückgrat für Weiterentwicklung und -leben der Subkulturen sind, sind in ihrer Existenz bedroht. Udo Dirkschneider, in der Metal-Szene wohl gut bekannt, beklagte sich darüber erst vor kurzem bei laut.de, und auch Tua, von vielen Hip-Hop Medien bejubelt, nutzt jede Gelegenheit, um zu betonen, dass er trotz aller guten Kritiken nicht mehr hat als ein Hartz IV Empfänger – um nur zwei von vielen Musikschaffenden zu benennen.

Während Musiker und Plattenfirmen noch immer jammern und so genannte “Raubkopierer” verteufeln, geht eine Gruppe von Internetusern noch eine Stufe weiter: Warum nicht gleich das Urheberrecht ändern und das Kopieren von Medien aller Art legalisieren? Damit könnte man das Gesetz endlich dem Status quo anpassen – denn “Downloaden ist doch mittlerweile das Normalste der Welt“, so die Argumentation. Eine Parteigründung, knapp 8000 Mitglieder und eine handvoll Fehltritte von Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble später, haben sich diese Forderungen im Programm der mittlerweile siebtgrößten deutschen Partei, der Piratenpartei, festgesetzt. Vorsichtige Schätzungen sagen ihr 2% bei den Bundestagswahlen voraus – ignorieren kann man die Piraten also nicht mehr.

Was würde das von den Piraten geforderte Legalisieren von Downloads für kleine Subkulturen bedeuten? Vor allem im Musikbereich werden Subkulturen mit wenig Anhängern, bei denen viele Künstler nahe am Existenzminimum leben und auf jeden Cent angewiesen sind, über kurz oder lang zurückgedrängt werden. Wenn sich Künstler nicht mehr leisten können, Kulturgüter zu produzieren, gibt es irgendwann keinen Platz mehr für sie – und dadurch stagnieren Subkulturen und werden nach und nach verdrängt. Zu beobachten ist dies derzeit bereits an der Tendenz, dass in der Musik Genregrenzen aufgesprengt werden, um möglichst viele Leute erreichen zu können. Alles vermischt sich zu einem großen, einheitlichen Brei ohne restriktive Genrekonventionen, wodurch aber auch Randerscheinungen und damit kulturelle Vielfalt wegfallen. Egal, ob man das als positives oder negatives Zeichen deutet, die Piraten haben einen sehr großen Einfluss auf die Zukunft der Subkulturen; wenn sich ihre Forderungen durchsetzen, wird es bald viele kleine Subkulturen nicht mehr geben.

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sie Piraten sich mit ihren Forderungen durchsetzen? Sind sie nur eine Randerscheinung, die in zwei Jahren vergessen sein wird, oder muss man gar von einer großen, politischen Bewegung reden? Die Antwort lautet “weder noch”: Die Piratenpartei vertritt gezielt die Interessen der so genannten “Internet-Natives”, vornehmlich Männer, die mit dem im Internet aufgewachsen sind – kein Wunder, stammen die meisten Piratenparteianhänger der ersten Stunde genau aus dieser Gruppe der “Hardcore-Internet-User“. Nur zum Verständnis: Wir reden hier nicht über die Leute, die ein paar Mal am Tag ihren MSN-Messenger anschmeißen und die studivz-Nachrichten auschecken – wir reden von denjenigen, für die Begriffe wie “esl-ladder”, “Blog-trackback” oder “Rapidshare-Premiumaccount” so familiär sind wie “Haus“ oder “Maus“.

Demnach sind die Internet-Nerds eine nicht allzu große Gruppe, die sich von anderen Subkulturen und der herrschenden Kultur durch eigene Regeln und Begrifflichkeiten abgrenzt – und mit dem Medium “Computerspiele“ haben sie auch noch eine neue Kulturform, die eine große Bedeutung für sie hat. Auch wenn die Piraten es gerne anders sehen, die Internet-Natives sind keine breite Bewegung, denn einem Großteil der Bevölkerung sind die Regeln und Ideen dieser Kultur unzugänglich und fremd – alle Gesetzmäßigkeiten einer Subkultur sind erfüllt und so muss man festhalten, dass die Piratenpartei selber aus einer Subkultur entstanden sind. Innerhalb dieser Subkultur gehört der Umgang mit Tauschbörsen und Rapidshare-Downloads zum normalsten der Welt – kein Wunder, dass die Piratenpartei, “ihre Partei”, sich also für die Legalisierung dieser Downloads stark macht.

Es klingt wie Ironie des Schicksals: Wenn die Piraten weiter wachsen und von einer Subkultur zu einer Bewegung werden, ist dies auch das Ende vieler anderer Subkulturen – denn die Legalisierung von Downloads werden viele nicht überstehen. Die Frage nach der Zukunft von Subkulturen ist also eng an die Zukunft der “Subkultur Piraten” gekoppelt…