Wie eine Subkultur antrat, alle anderen Subkulturen abzuschaffen

“Was für eine Musik hörst du eigentlich?” Jeder Teenager, der Anfang dieses Jahrtausends aufgewachsen ist, muss sich früher oder später dieser Frage stellen. Doch so harmlos diese Frage scheint, so hat sie doch stets mehr bedeutet als die Frage nach den Lieblingsbands: Es ist die Frage nach der sozialen Gruppe, zu der man sich zählt; die Frage, ob man Hip Hopper, Metaller oder Punk ist, kurz: „Wie ist deine Persönlichkeit?“ So ordnen sich verschiedene Leute verschiedenen sozialen Systemen zu. “Subkulturen” nennt man dies und mit diesem Begriff wird eine “eine bestimmte Untergruppe der sozialen Akteure einer Kultur beschrieben (…), die sich im Hinblick auf zentrale Normen deutlich von der „herrschenden“ Kultur abgrenzt.“ Ende des letzten und Anfang dieses Jahrtausends hatten solche Subkulturen Hochkonjunktur.

Heute sieht das Ganze anders aus – jede moderne Subkultur, die sich über das Kulturgut Musik definiert, egal ob Hip Hop oder Metal, Techno oder Emo, hat mit den Auswirkungen des illegalen Downloadens von Musik zu kämpfen. Auch wenn die großen Labels so tun, als ob die Downloadkrise alle Künstler hart trifft, so richtig glauben möchte man nicht, dass Herbert Grönemeyer, Metallica oder Bushido am Hungertuch nagen. Nein, gerade kleine Künstler, die oft das Rückgrat für Weiterentwicklung und -leben der Subkulturen sind, sind in ihrer Existenz bedroht. Udo Dirkschneider, in der Metal-Szene wohl gut bekannt, beklagte sich darüber erst vor kurzem bei laut.de, und auch Tua, von vielen Hip-Hop Medien bejubelt, nutzt jede Gelegenheit, um zu betonen, dass er trotz aller guten Kritiken nicht mehr hat als ein Hartz IV Empfänger – um nur zwei von vielen Musikschaffenden zu benennen.

Während Musiker und Plattenfirmen noch immer jammern und so genannte “Raubkopierer” verteufeln, geht eine Gruppe von Internetusern noch eine Stufe weiter: Warum nicht gleich das Urheberrecht ändern und das Kopieren von Medien aller Art legalisieren? Damit könnte man das Gesetz endlich dem Status quo anpassen – denn “Downloaden ist doch mittlerweile das Normalste der Welt“, so die Argumentation. Eine Parteigründung, knapp 8000 Mitglieder und eine handvoll Fehltritte von Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble später, haben sich diese Forderungen im Programm der mittlerweile siebtgrößten deutschen Partei, der Piratenpartei, festgesetzt. Vorsichtige Schätzungen sagen ihr 2% bei den Bundestagswahlen voraus – ignorieren kann man die Piraten also nicht mehr.

Was würde das von den Piraten geforderte Legalisieren von Downloads für kleine Subkulturen bedeuten? Vor allem im Musikbereich werden Subkulturen mit wenig Anhängern, bei denen viele Künstler nahe am Existenzminimum leben und auf jeden Cent angewiesen sind, über kurz oder lang zurückgedrängt werden. Wenn sich Künstler nicht mehr leisten können, Kulturgüter zu produzieren, gibt es irgendwann keinen Platz mehr für sie – und dadurch stagnieren Subkulturen und werden nach und nach verdrängt. Zu beobachten ist dies derzeit bereits an der Tendenz, dass in der Musik Genregrenzen aufgesprengt werden, um möglichst viele Leute erreichen zu können. Alles vermischt sich zu einem großen, einheitlichen Brei ohne restriktive Genrekonventionen, wodurch aber auch Randerscheinungen und damit kulturelle Vielfalt wegfallen. Egal, ob man das als positives oder negatives Zeichen deutet, die Piraten haben einen sehr großen Einfluss auf die Zukunft der Subkulturen; wenn sich ihre Forderungen durchsetzen, wird es bald viele kleine Subkulturen nicht mehr geben.

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sie Piraten sich mit ihren Forderungen durchsetzen? Sind sie nur eine Randerscheinung, die in zwei Jahren vergessen sein wird, oder muss man gar von einer großen, politischen Bewegung reden? Die Antwort lautet “weder noch”: Die Piratenpartei vertritt gezielt die Interessen der so genannten “Internet-Natives”, vornehmlich Männer, die mit dem im Internet aufgewachsen sind – kein Wunder, stammen die meisten Piratenparteianhänger der ersten Stunde genau aus dieser Gruppe der “Hardcore-Internet-User“. Nur zum Verständnis: Wir reden hier nicht über die Leute, die ein paar Mal am Tag ihren MSN-Messenger anschmeißen und die studivz-Nachrichten auschecken – wir reden von denjenigen, für die Begriffe wie “esl-ladder”, “Blog-trackback” oder “Rapidshare-Premiumaccount” so familiär sind wie “Haus“ oder “Maus“.

Demnach sind die Internet-Nerds eine nicht allzu große Gruppe, die sich von anderen Subkulturen und der herrschenden Kultur durch eigene Regeln und Begrifflichkeiten abgrenzt – und mit dem Medium “Computerspiele“ haben sie auch noch eine neue Kulturform, die eine große Bedeutung für sie hat. Auch wenn die Piraten es gerne anders sehen, die Internet-Natives sind keine breite Bewegung, denn einem Großteil der Bevölkerung sind die Regeln und Ideen dieser Kultur unzugänglich und fremd – alle Gesetzmäßigkeiten einer Subkultur sind erfüllt und so muss man festhalten, dass die Piratenpartei selber aus einer Subkultur entstanden sind. Innerhalb dieser Subkultur gehört der Umgang mit Tauschbörsen und Rapidshare-Downloads zum normalsten der Welt – kein Wunder, dass die Piratenpartei, “ihre Partei”, sich also für die Legalisierung dieser Downloads stark macht.

Es klingt wie Ironie des Schicksals: Wenn die Piraten weiter wachsen und von einer Subkultur zu einer Bewegung werden, ist dies auch das Ende vieler anderer Subkulturen – denn die Legalisierung von Downloads werden viele nicht überstehen. Die Frage nach der Zukunft von Subkulturen ist also eng an die Zukunft der “Subkultur Piraten” gekoppelt…

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2 Antworten to “Wie eine Subkultur antrat, alle anderen Subkulturen abzuschaffen”

  1. Seth03 Says:

    Dadurch das Künstler mehr Rechte an ihren Werken haben verdienen sie also weniger Geld und obendrauf werden viele Subkulturen verschwinden, weil das Geld welches die Fans für die Künstler ausgeben dann zu einem gerechten Anteil an den Künstler geht und nicht mehr an die GEMA die das Geld anhand der Charts verteilt (da sind viele Songs aus den Alternativ-szenen drin,… ehrlich). Vorher hat die Gema natürlich durch Buy-out-Verträge das Gewinnen weiterer Fans über das Internet unterbunden, da der Künstler seine eigenen Songs nur mit Erlaubnis der GEMA spielen darf, welche natürlich Geld dafür haben will..vom rechtslosen Urheber.

    …hmm…was denkt Ihr?

    MfG
    Seth, Pirat

  2. Phil Says:

    Interessanter Artikel, aber du scheinst den Punkt „Piratenpartei“ falsch verstanden zu haben. Ihr geht es nicht um eine Aufhebung des Urheberrechts, sondern lediglich um eine Änderung!

    Einfach mal auf http://www.piratenpartei.de gucken 😉

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