Biblische Fernsehshow ohne Happy End

Schon seit biblischen Tagen erfreut sich der Mensch, wenn ein David einen Goliath schlägt. Genau nach diesem Patentrezept funktioniert auch die ebenso simple wie spannende Samstagabendshow „Schlag den Raab“: Ein vom Publikum gewählter David tritt gegen den Goliath Stefan Raab an und versucht ihn in fünfzehn Spielen zu schlagen. Die Sendung steht und fällt dabei mit der Sympathie des Kandidaten. Man fiebert gerne mit einem Underdog mit, der mit großem Kampf eine Aufholjagd startet und den ehrgeizigen Raab kurz vor Ende abfängt. In diesem Sinne war die letzte Sendung vor der Sommerpause, als es um den Rekordjackpot von 3.000.000 Euro ging, ein glatter Reinfall: Man saß eher gelangweilt als elektrisiert vor dem Fernseher, da der damalige Kandidat zwar zwar ganz nett war, aber nicht cool genug, als dass man ihm gleich so viel Geld gegönnt hätte. So war der riesige Jackpot noch am ehesten ein Anreiz, nicht umzuschalten. Das Konzept „Schlag den Raab“ funktioniert einfach am besten, wenn die Sympathien klar verteilt sind.

In diesem Sinne war der Kandidat der gestrigen „Schlag den Raab“-Sendung ein Glücksgriff. Selten hat man bis zum letzten Spiel so stark mitgefiebert. Egal ob Armbrustschießen, Bahnradfahren oder Besen jonglieren, die Daumen wurden fest gedrückt – jedoch nicht für den Kandidaten. Das Prinzip der Sendung, dass man gegen Raab und für den Kandidaten ist, wurde umgedreht.

Wie konnte es dazu kommen, dass Ehrgeizling Raab gegen den Kandidaten Hans-Martin wie ein kleiner David aussah? Hans-Martin hat sich nicht in seine Underdog-Rolle gefügt, sondern zur Attacke geblasen – und überschritt dabei zu oft die Arroganzschwelle. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Nachdem er nach fünf von sechs Durchgängen beim Diskuswerfen (Danke für den Hinweis) scheinbar uneinholbar führte, fragte er süffisant, ob er überhaupt noch werfen solle. Frenetischer Applaus des Publikums, als Raab daraufhin im sechsten und letzten Versuch Bestweite warf und das Spiel gewann. Solche Anwandlungen von Überheblichkeit verzeiht das Publikum einem Medienexperten wie Raab, der genau weiß, wann er den schmalen Grat zwischen Ehrgeiz und Arroganz übertreten darf. Nicht aber einem Schönling wie Hans-Martin.

Laute Selbstmotivationssprüche Marke „Du schaffst das, Alda!“ taten ihr Übriges, und so brauchte Hans-Martin sich nicht wundern, dass das Publikum ihn gnadenlos auspfiff nach seinem Sieg im letzten Spiel, dem Münze-in-ein-Glas-Schnippen (das, nebenbei erwähnt, ein dramaturgischer Meistergriff war). Abschließend konnte man auf einen gelungenen TV-Abend zurückblicken, bei dem man dank toller Spiele und klar verteilter Rollen gut mit fiebern konnte. Einziges Manko: Goliath hat David besiegt.

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Eine Antwort to “Biblische Fernsehshow ohne Happy End”

  1. Tobias Says:

    Es war Diskuswerfen, nicht Kugelstoßen. 🙂

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