Wie der spanische Fußball holländisch wurde

Es gibt kein sportliches Ereignis, das die Welt so stark elektrisiert wie eine Fußballmeisterschaft. Kein anderer Sport eignet sich so sehr für die Projektion nationaler Sehnsüchte und Identitäten auf die jeweiligen Nationalspieler. Fußball, das sind wir, das ist ein Teil unserer Kultur, und jede Kultur sieht und erfährt Fußball unterschiedlich. Jeder kennt die Stereotypen von ballzaubernden Brasilianern, bis zum Umfallen kämpfenden Deutschen oder mit elf Mann verteidigenden Italienern. Doch es ist nicht mehr alles, wie es einmal war: Fußballidentitäten verschmelzen mehr und mehr. Ein Schlagwort, das wohl in jedem zweiten gesellschaftlichen Zusammenhang Schlagzeilen macht, hat auch seinen Einfluss auf den Fußball: Globalisierung. In mehreren Beiträgen soll an dieser Stelle gezeigt werden, wie nationale Fußballidentitäten sich in den letzten Jahren verschoben und verändert haben.

Es gibt wohl kein besseres Beispiel für ebendiese Prozesse wie den spanischen Fußball. Dieser stand zwar schon immer für gutes Kurzpassspiel und hohe technische Fertigkeiten. Doch was Spanien bei der Europameisterschaft 2008 gespielt hat und nun auch bei dieser WM praktiziert, geht noch ein ganzes Stück weiter: Endlos wirkende Ballstaffagen, Ballbesitz von weit über 60 Prozent, Passgenauigkeitsquoten von über 90 Prozent. Eigenschaften, die man sonst eher dem holländischen Fußball der 70er Jahre andichtet.

„Voetball Total“ nannte sich dieser holländische Fußball. Die Idee dahinter stammt vom größten holländischen Spieler persönlich: Johann Cruyff. Dabei machte sich dessen großes Interesse an holländischer Geschichte zugute. Denn er lernte, dass holländische Armeen im Mittelalter Schlacht nach Schlacht gewannen, in dem sie Gegner mit Wassergräben unter Druck setzten und die Versorgungswege abschnitten. Die Idee: Den Gegnern den Raum wegnehmen. Dieses simple Prinzip übertrug er zusammen mit dem Nationaltrainer Rinus Michels auf den Fußball: Durch andauerndes Pressing, Raumdeckung und weit vorn stehenden Verteidigern wird dem Gegenspieler der Raum genommen, sein Aufbauspiel entfalten zu können. Und bei Ballbesitz lässt man den Ball und damit auch den Gegner laufen, damit er gar nicht erst ins Spiel finden kann.

Diese heute weit verbreitete Spielphilosophie war zu jener Zeit revolutionär. Viele Fußballtheoretiker sagen, es sei die letzte große Revolution des Fußballs gewesen. Bei Weltmeisterschaften wurde diese große holländische Mannschaft jedoch nicht belohnt: 1974 und 1978 verlor man zweimal im Finale. Rund dreißig Jahre später wird der totale Fußball nicht mehr in Holland praktiziert. Heutzutage wird Spanien als der rechtmäßige Erbe dieses Spielsystems gesehen, denn keine andere Nation der Welt hat so ein gutes und effektives Passsystem wie die Spanier.

Doch wie kam der holländische „Voetball Total“ in das Land der Stierkämpfer und La-Ola-Wellen? Auch hier spielt Johann Cruyff eine große Rolle: Als er 1988 FC Barcelona übernahm, hatte der Verein wenig von dem großen Glanz heutiger Tage. Er stellte die Jugendarbeit und den Trainingsbetrieb komplett um und nahm sich das zu der Zeit weltweit führende holländische Jugendbild zum Beispiel. Durch geschickten Einkauf von technisch hochwertigen Spielern ließ er mit dem FC Barcelona den womöglich „totalsten Fußball“ aller Zeiten spielen. Zu Hochzeiten des Teams waren die Gegenspieler froh, wenn sie überhaupt mal einen Ballkontakt hatten.

Durch den Erfolg des FC Barcelona kamen auch andere spanische Vereine zur Umstellung des Fußballsystems. Der Fokus auf Technik und Taktik und modernste Trainingsmethoden in der Jugendarbeit ist nirgendwo so ausgeprägt wie in Spanien. Die spanische Jugendarbeit, vor allem die des FC Barcelona, brachte dadurch einige der besten Spieler der letzten zehn Jahre hervor. Auch bei dieser WM zeigen die Xavis und Iniestas, warum ihr Fußball als der vollkommenste der Welt gilt, auch wenn sie (noch) nicht so brillieren wie noch vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft.

Im Übrigen gibt es neben Johann Cruyff noch andere prominente Verfechter des „totalen Fußballs“. Einer von diesen schickt sich gerade an, diese Art von Fußball auch in Deutschland zu etablieren: Louis van Gaal.

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