Archive for Juli 2010

Das Märchen vom sauberen Fußball

13. Juli 2010

Der frisch gebackene Fußballweltmeister Andres Iniesta und der Radrennfahrer Andy Schleck scheinen zunächst einmal nicht viel miteinander zu tun haben – der eine ist ein kleingewachsener Spanier, der andere ein durchschnittlich großer Luxemburger. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch sehr viele Gemeinsamkeiten: Beide sind Ausnahmeathlethen ihrer Zunft. Beide haben am Wochenende den größten Triumph ihrer Karriere gefeiert, Iniesta mit seinem Tor im WM-Finale, Andy Schleck mit einem Tour de France-Etappensieg. Und beide haben schon einmal für Mannschaften gearbeitet, die dem überführten Dopingarzt Eufemiano Fuentes Vermutungen zufolge ziemlich nahe standen – Schleck für CSC, Iniesta für den FC Barcelona.

Das mag bei einem erfolgreichen Radsportler in diesen Zeiten niemanden mehr verwundern, denn der Radsport ist nach öffentlicher Meinung „total verseucht“. Wenn man allerdings so etwas über einen Fußballer hört, stutzt man erst einmal: Iniesta? FC Barcelona? Doping? Nein, das kann nicht sein, Fußball ist doch der saubere Sport schlechthin!

Der Fußball hat es geschafft, in der breiten Öffentlichkeit ein sauberes Image zu behalten, obwohl es viele Indizien gibt, dass auch im Fußball auf breiter Basis Doping getrieben wird. Auch wenn von Funktionärsseite oft behauptet wird, dass sich Doping in einem so komplexen Mannschaftssport nicht lohnt, da die medikamentöse Verbesserung der Athletik und Ausdauerfähigkeit im Fußball nichts bringen würde, gibt es aus der Vergangenheit genug nachgewiesene Dopingfälle. Schon bei der WM 1954 gab es Mutmaßungen, dass Doping beim „Wunder von Bern“ eine zentrale Rolle gespielt habe. Damals haben sich die deutschen Spieler in der Halbzeit Spritzen gesetzt, wie der ungarische Kapitän Ferenc Puskas nach dem Spiel behauptete. Die DFB-Elf stritt dies niemals ab, man behauptet jedoch bis heute steif und fest, dass es sich nur um ganz legale Traubenzuckerinjektionen handelte. Eine Behauptung, an der laut anerkannten Sportwissenschaftlern zumindest Zweifel herrschen. Vermutungen zufolge haben sich die Deutschen einen Vorteil durch Einnahme des Aufputschmittels Pervetin geschaffen, das vor allem im zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, damit sich die Kriegspiloten besser konzentrieren konnten.

Auch der großen Ajax-Mannschaft der 70er Jahre, auf die in diesem Blog bereits näher eingegangen wurde, wird Doping nachgesagt. Die Holländer konnten mit ihrer neuen Spielweise plötzlich wesentlich größere Laufwege durchführen als ihre Gegner, was viele Zweifler auf den Plan rief. Ein Masseur der damaligen Zeit, Salo Müller, enthüllte in seiner Autobiographie 2006 flächendeckendes Doping bei Ajax in jenen Jahren. Übrigens: Die erste Mannschaft, die ein ähnliches Spiel wie die Holländer aufziehen konnte, war selber höchstwahrscheinlich gedopt: Dynamo Kiew war zu dieser Zeit Teil des sowjetischen Staatsplan Doping. Auch für die DDR-Auswahl jener Jahre ist Doping über Stasi-Akten nachweisbar.

Eine weitere große Mannschaft der Fußballgeschichte, die nachträglich des Dopings überführt wurde, hat vor noch nicht allzu langer Zeit gewirkt: Juventus Turin erreichte von 1996 bis 1998 immer das Champions League-Finale, und das nicht nur mit gutem Fußball. Ein Gericht hat bestätigt, dass zu jener Zeit das populäre Mittel EPO von den Spielern eingenommen wurde – ein Mittel, das sonst eher im Zusammenhang mit Radsportlern genannt wird.

Die Dopinggeschichten ließen sich beliebig weiter fortführen: Von Franz Beckenbauer, der Blutdoping in den 70ern offen zugab, über die Einnahme des Aufputschmittel Capagon in der Bundesliga in den 80ern bis hin zum Fuentes-Skandal unserer Tage. Fuentes wird zwar oft nur mit Doping im Radsport in Verbindung gebracht, es gibt aber auch Indizien, dass er im Fußball aktiv war: Die französische Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte schon vor mehreren Jahren einen Bericht, in dem Fuentes angeblich behauptet, dass auch Real Madrid und der FC Barcelona zu seinen Kunden zählten – und damit auch fast die komplette aktuelle Weltmeistermannschaft aus Spanien. Beide Vereine klagten erfolgreich dagegen, was die Aussagen der „Le Monde“ jedoch nicht weniger glaubwürdig macht. Denn viele Kritiker befürchten, dass im Fuentesfall nicht allen Spuren glaubwürdig bis zum Ende nachgegangen wurde, gerade im Fußball, der ein spanisches Nationalheiligtum darstellt. Besonders ein Interview mit Stéphane Mandard, dem Chef der Sportredaktion der „Le Monde“, ist in diesem Zusammenhang höchst interessant.

Die anhaltenden Beteuerungen, dass es im Fußball kein Doping gibt, scheint wenig nachvollziehbar. Schaut man sich die Leistungen an, die die Sportler heute erreichen, wirkt Doping im Spitzensport logisch: Das Laufpensum hat sich in den letzten 30 Jahren pro Spiel mehr als verdoppelt, die Anzahl der Spiele hat sich auch erhöht. Spitzenfußballer haben heutzutage zehn Monate am Stück zwei Spiele pro Woche, in denen sie über 10 km zurücklegen, knapp zwanzig Prozent davon im Sprint. Wenn schon weit weniger eindrucksvolle Leistungen in den 70ern nur unter Doping erreicht werden konnten, scheint es unglaubwürdig, dass man nur aufgrund neuer Methoden in der Trainingslehre heutzutage weitaus bessere Leistungen erbringen kann. Zumindest Doping im regenerativen Bereich ist bei den unphysiologisch geringen Verletzungszeiten mehr als wahrscheinlich. Solche Dinge muss man auch im Hinterkopf behalten, wenn man sich die Leistungen anschaut, die manche Spieler und Nationen bei einer Fußballweltmeisterschaft abliefern.

Aber der Fußball wird weiter sein sauberes Image behalten, und niemand hat ein Interesse daran, einen Skandal hochzubeschwören, gerade in Zeiten, in denen Rekordwerbesummen verdient werden und in denen Anders Iniestas Tor am Wochenende weltweit Rekordquoten im Fernsehen einheimste. Wohin ein Dopingskandal nämlich führen kann, hat jüngst der Radsport gezeigt: Das Interesse am Sieg Andy Schlecks am Sonntag hätte kaum geringer sein können…

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Vom totalen Fußball zum totalen Opportunismus

10. Juli 2010

Am Sonntag wissen wir, wer der neue Fußballweltmeister wird, eins ist jedoch jetzt schon sicher: Der Sieger des Finales wird seinen ersten Weltmeistertitel erringen. Obwohl beide Mannschaften bei Weltmeisterschaften der letzte Erfolg bisher vergönnt war, würde kaum jemand bezweifeln, dass im Endspiel zwei Fußballgiganten aufeinander treffen. Gerade Holland hat sich in den letzten Jahrzehnten mit seinem charakteristischen Kombinationsfußball mit Hang zur leichten Arroganz in der Weltspitze etabliert. Dabei scheint es kaum vorstellbar, dass die Niederlande vor fünfzig Jahren in der Fußballwelt keinerlei Bedeutung hatten. Als Beweis für diese kühne These soll ein kleines Zahlenspiel dienen: Zwischen 1949 und 1955 gewannen die Niederländer gerade einmal zwei von ihren 27 Spielen – die heutige Nationalmannschaft Luxemburgs hat in seinen letzten 27 Spielen genauso viele Siege errungen. Die Niederlande war also ein waschechter Fußballzwerg.

Und dann kam Johann Cruyff. Seine Gestalt überragt den gesamten holländischen Fußball. Seine Rolle wird oft mit der von Franz Beckenbauer im deutschen Fußball verglichen – eine übergroße Lichtgestalt, die über allem steht und deren Meinung heilig ist. Aber dieser Vergleich geht nicht weit genug: Franz Beckenbauer ist ein herausragender Teil des deutschen Fußballs – Johann Cruyff ist der niederländische Fußball. Zusammen mit seinem Trainer und Mentor Rinus Michel revolutionierten die beiden die Fußballtaktik und sorgten dafür, dass die niederländische Mannschaft von 1974 trotz der Finalniederlage gegen Deutschland als eines der besten Fußballteams aller Zeiten gilt.

Ihre Ideen waren genauso simpel wie erfolgreich: Zuvor wurde größtenteils Manndeckung betrieben und der Gegner bis zum eigenen 16er kaum gestört. Holland machte es genau anders herum: Der Gegner wird mit raumdeckendem Pressing bereits in dessen Hälfte unter Druck gesetzt, damit sich dessen Aufbauspiel gar nicht erst entfalten kann. Sobald man den Ball dann hatte, ließ man ihn geduldig zirkulieren, bis sich der Gegner kaputt gelaufen hat, um ihn dann durch Positionswechsel und Pässe in die Tiefe den letzten Stoß zu geben.

Dass diese Art von Fußball im liberalen Holland entstand, ist sicherlich kein Zufall. Die Ideologie, nichts dem Schicksal zu überlassen, passt nämlich perfekt zu dem Land in jener Zeit, das zu den säkularsten der Welt gehörte. Man setzte nicht einfach elf gute Fußballspieler ein und hoffte, dass der Fußballgott ihnen einen guten Tag schenkt; Fußball wurde minutiös geplant. Das begann beim Training und hörte bei der taktischen Marschroute für das Spiel auf. Die holländischen Spieler waren immer einen Tick fitter und einen Tick besser eingestellt als ihre Gegner. Mit dieser Art von Fußball stieß man schnell in die Weltspitze und etablierte in Holland eine Fußballkultur, die Cruyff und das schöne Kombinationsspiel abgöttisch verehrt. Auch in den kommenden Jahrzehnten schickte man oft tolle Fußballteams zu Turnieren, die die Tradition des „Voetball Total“ hochhielten.

Gebracht hat all der schöne Fußball in den letzten vierzig Jahren jedoch nichts außer anerkennenden Worten und einen EM-Titel 1988. Die Holländer starben bei WMs stets in Schönheit, wie es der Volksmund so schön umschreibt. Doch genau das hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Schon unter Advocaat und dann vor allem unter van Basten war zu erkennen, dass die Holländer abkehren vom offensiven „Voetball total“. Bei der EM vor zwei Jahren glänzte man in der Vorrunde mit gut organisierter Defensive und nadelstichartig gesetzten Kontern. Bert van Marwijk baute diesen Stil noch aus und setzt auf effektiven, pragmatischen Fußball. Kritiker werfen dem niederländischen Spiel einen „totalen Opportunismus“ vor, dem es nur um das Ergebnis geht. Dass die Holländer so spielen, ist nach den Jahrzehnten vergebener Mühe kein Wunder. Arjen Robben brachte die Metamorphose des holländischen Fußballs auf einen Punkt: „Ich möchte lieber ein hässliches Spiel gewinnen, als dass wir schön spielen und am Ende verlieren.“

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass man genau auf Spanien trifft, die die wahren Erben des Cruyff’schen „Voetball Total“ sind. Die niederländische Mannschaft ist aufgrund ihres eher unansehnlichen Stils in der Heimat nicht unumstritten. Fußballgott Johann Cruyff hat das ausgesprochen, was wohl so mancher in seinem Heimatland denkt: „Wen ich unterstütze? Ich bin Niederländer. Aber ich unterstütze den Fußball, den Spanien spielt.“

Eine linke Revolution beim DFB

4. Juli 2010

„Besser geht’s nicht, oder?“, „Deutschland auf dem Weg zum Titel“, „Ganz clever gespielt von der deutschen Mannschaft“ – die Leistung von gestern wird von der nationalen und internationalen Presse in den höchsten Tonen gelobt. Hätte vor zehn Jahren jemand behauptet, die deutsche Mannschaft wäre eines Tages die spielstärkste Mannschaft eines WM-Turniers, der durchschnittliche Fußballfan hätte nur müde gelächelt. Zu jener Zeit hatte der Rumpelfußball Hochkonjunktur, schön spielten die anderen. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich im deutschen Fußball einiges verändert. Wie kommt es, dass Deutschland heute so anders spielt als noch vor zehn Jahren?

Am Anfang einer jeden Veränderung steht oft eine Niederlage. Wer siegreich ist, sieht meist wenig Grund für eine innere Veränderung. Das gilt nicht nur für gesellschaftliche und politische Prozesse, sondern auch für fußballerische. In diesem Sinne konnte dem deutschen Fußball eigentlich nichts Schlimmeres passieren als die Titel bei der WM 1990 und der EM 1996. Denn während auf der ganzen Welt, von Brasilien bis nach Spanien, die Weichen für die Umstellung auf eine neue, moderne Art des Fußballspielens gelegt wurden, lief in Deutschland alles weiter wie früher. Keiner wollte an den veralteten Gewohnheiten wie Manndeckung und dem Spiel mit Libero sägen, wieso auch? Man hatte doch zwei Titel in einem Jahrzehnt gewonnen, ganz ohne modernen Taktikschnickschnack.

Erst zwei Niederlagen setzten einen Prozess der Erneuerung in Gang: Die 0:3-Niederlage im Viertelfinale der WM 1998 gegen Kroatien rief einige Modernisierer auf den Plan, aber erst das vollkommen unterirdische Abschneiden bei der EM 2000 machte klar, dass es mit der deutschen Marschroute nicht weiterging. Taktische und spielerische Mängel ließen das deutsche Team wirken, als wäre es mit einer Zeitmaschine direkt aus dem Jahr 1970 auf den Platz teleportiert worden. Hatte man in den letzten fünfzig Jahren stets Erfolg mit den „deutschen Tugenden“ gehabt, wurde allen konservativen Fußballkräften klar, dass im 21. Jahrhundert mehr benötigt wird als eine bravourös kämpfende Einheit.

Schaut man sich die Geschichte des deutschen Fußballs an, so zeigt sich, dass das Fußballspiel schon immer mehr als Kampfspiel denn als Ballspiel aufgefasst wurde. Das hat historisch seine Wurzeln im Militarismus und dem Führerprinzip der 10er, 20er und vor allem 30er Jahre, was auch auf den Fußball abperlte. Werte wie „Unterwürfigkeit gegenüber dem System“ und „Kampf bis zum Umfallen“ wurden damals von der Gesellschaft auf den Fußball übertragen, der das Volk zu „deutschen Tugenden und totaler Unterwürfigkeit“ erziehen sollte – und wollte, auch wenn der DFB lange Zeit seine Rolle im Nazi-Zeitalter schönredete.

Wer glaubt, dass diese Werte aus der (Vor-)Nazi-Zeit heute keinen Einfluss mehr haben, der braucht sich nur die durchschnittliche Berichterstattung nach einem Spiel anzuschauen: Wenn ein Spieler zahlreiche technische und taktische Fehler in einem Spiel begeht, wird er kritisiert – aber wenn ein Spieler (angeblich) nicht gekämpft hat, ist das für ihn das Todesurteil in der deutschen Berichterstattung. Selbst nach dem Sieg gestern wurde überproportional häufig das Wort „großer Kampf“ benutzt, obwohl es eigentlich das genaue Gegenteil war, eine große taktische und spielerische Leistung. Und auch der anhaltende Glaube daran, dass eine Mannschaft einen „starken Führer“ braucht, wurde mit der Verletzung Michael Ballacks kurz vor der WM noch einmal eindrucksvoll aufgezeigt. Fußball war in Deutschland stets eine konservative Sphäre, die noch länger als die sonstige Gesellschaft an altdeutschen Werten und Tugenden festhielt.

40 Jahre lang lief es so für den deutschen Fußball gut. Man war ein eingeschworenes Team, das im Zweifelsfall die besten Manndecker der Welt hatte, die bis zum Umfallen kämpften. Die wahren Helden der drei Weltmeistertitel waren Werner Liebrich, Berti Voigts und Guido Buchwald, die die zentralen gegnerischen Spieler Hidegkuti (Ungarn 1954), Cruyff (Niederlande 1974) und Maradona (Argentinien 1990) mit harter Manndeckung aus dem Spiel nahmen. Doch seit den 90er Jahren reicht Kampf und Manndeckung nicht mehr aus, um ein Spiel zu gewinnen. Das hat zum Einen damit zu tun, dass die Vorteile der Raumdeckung immer offensichtlicher wurden, zum Anderen mit der zunehmenden Geschwindigkeit des Spiels. Die über 90 Minuten anhaltende Konzentration, die früher dank effizienten Konditionstrainings eine deutsche Stärke war, ist heute zum Standart geworden. Früher waren die deutschen Tugenden eine Sieggarantie – heute muss jede Mannschaft 90 Minuten kämpfen, sonst hat sie automatisch verloren.

Genau in dieser Zeit, als der deutsche Fußballfan sich kaum noch wagte, ein Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft anzuschauen, kamen nach einer völlerschen Übergangsperiode Jürgen Klinsmann und Jogi Löw an die Macht. Sie krempelten den deutschen Fußball komplett um, mit Hilfe eines für einen DFB-Präsidenten eines sehr guten Jugendleiters Matthias Sammers und eines unerhört liberalen Theo Zwanzigers (der aber trotzdem ein recht konservativer Mensch ist, siehe seine langjährige CDU-Mitgliedschaft). Mit ihnen wurde der Muff von hundert Jahren aus dem DFB (zumindest teilweise) vertrieben, der deutsche Fußball wurde vom Kampf- zum Spielsport umgeschult. Den Lohn dafür sah man gestern: Deutschland gehört zu den spielstärksten Mannschaften der Welt. Ein Umstand, der vor zehn oder zwanzig Jahren als unmöglich schien.

Es bleibt nur zu hoffen, dass auch nach der WM dieser Kurs weiter beibehalten wird. Im Hintergrund des DFB drohen die ohnehin rumorenden, konservativen Kräfte den deutschen Fußball erneut um hundert Jahre zurückzuwerfen, in dem sie Bierhoff und Löw am liebsten entmachten würden. Derzeit sieht es aber zum Glück ganz gut aus…

Die Kreuzigung und Wiederauferstehung des Sohn Gottes in Argentinien

2. Juli 2010

Das kollektive Gedächtnis Argentiniens erinnert sich noch immer an den 30. Juni 2006, der Tag, an dem man sich im Viertelfinale der WM den Deutschen geschlagen geben musste. Jedoch erinnert man sich nicht an die verschossenen Elfmeter oder die Paraden von Jens Lehmann, eine andere Szene hat sich eingebrannt: Es war die 72. Minute, in der der vollkommen wirkungslose Riquelme ausgewechselt wurde (der angeblich auch angeschlagen war, wobei das heute als eine Schutzbehauptung gilt). Und anstatt einen anderen offensiven Mittelfeldspieler zu bringen – immerhin saßen die Kreativgenies Messi und Aimar auf der Bank der Argentinier – welchselte der argentinische Trainer Pekerman Cambiasso, einen zweiten defensiven Mittelfeldspieler, ein. Bis heute hält sich in Argentinien standhaft die Meinung, dass in diesem Moment das Spiel verloren wurde. Das, was danach kam, war eigentlich irrelevant.

Doch was ist daran so skandalös, wenn beim Stande von 1:0 in einem Viertelfinale der Weltmeisterschaft ein defensiver für einen offensiven Fußballspieler kommt? Für den europäischen Fußballfan nichts, für den argentinischen alles, denn nirgendwo auf der Welt wird der Spielmacher klassischer Art so vergöttert wie in Argentinien. Seit Maradonas großer Zeit in den 80ern werden die Spielmacher wie Gottes Abbild auf Erden verehrt. Ein Spiel ohne freien Mann hinter den Spitzen? Undenkbar! Der Spielmacher ist in Argentinien der Volksheld. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich Maradona seit dem Ende seiner Karriere einen Fehltritt nach dem anderen erlauben darf, ohne dass dies seiner Popularität allzu großen Abbruch tut. Vieles, was in Deutschland als Größenwahn durchgeht, wird in Argentinien den zentralen Spielmachern gestattet.

Genau daher bezog der Spielmacher Riquelme zu jener Zeit seinen Ruhm in Argentinien, obwohl er nie den ganz großen Durchbruch auf Vereinsebene geschafft hat. Bei Barcelona konnte er sich nie durchsetzen, nur bei kleineren Vereinen wie Villareal brillierte er, was vor allem mit seinem Spielstil zu tun hat: So gut er Bälle verteilen kann, so sehr läuft das Spiel in der Defensive an ihm vorbei. Er brauchte eine freie Rolle im Spiel abseits taktischer Marschrouten, die es heute eigentlich nicht mehr gibt. Das war auch sein Untergang im Vereinsfußball, der seine verlorene Rolle bei der Weltmeisterschaft 2006 schon im Vorhinein aufzeigte.

„Riquelme erinnert uns an die Zeit, als das Leben noch langsam lief und wir die Stühle vor die Häuser stellten und gemeinsam Fußball schauten.“ Dieses Zitat eines argentinischen Fußballfans belegt, wie tief der Spielmacher in der Kultur Argentiniens verwurzelt ist. Und doch war mit der WM 2006, sehr zum Murren der argentinischen Fans, das Ende des klassischen Spielmachers in Sicht, denn die freie Rolle hinter den Spitzen und die Fixierung auf einen zentralen Spielmacher gilt schon länger nicht mehr als zeitgemäß. Es schien das Ende der Erben von Maradona.

Doch dann kam der Meister höchstpersönlich: Diego Maradona wurde Trainer der Albiceleste. Und führte passend zur WM 2010 den freien Spielmacher wieder ein. Heute heißt er Messi und darf im Spiel der Argentinier machen, was er will. So gut wie jeder Ball aus der Defensive geht zunächst zu Messi, der dann die weitere Ballverteilung übernimmt. Das klassische argentinische System, leicht modernisiert, jedoch eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Vor allem, wenn man bedenkt, wie stark dieses System die anderen kreativstarken Spieler wie Tevez oder di Maria beschneidet. Die Schwächen dieser Spielphilosophie zeigte Griechenland in der Gruppenphase gnadenlos auf: Durch die konsequente Manndeckung Messis durch Papastathopoulos fand Argentinien nicht statt. Ein Tor nach einem Standart wurde benötigt, um den Bann gegen die Griechen zu brechen.

Die große Reform des argentinischen Fußballs, in dem der klassische Spielmacher zu Gunsten eines alle Spieler einbeziehenden Systems beschnitten wird, steht also noch aus. Vielleicht erweist sich Argentiniens System auch im 21. Jahrhundert als tragfähig – vielleicht steht die Reform aber auch schon morgen nach einer erneuten Viertelfinalpleite gegen Deutschland an…

Das neue, alte Brasilien

1. Juli 2010

Hätte jemand vor einem Jahr den weltweiten Fußballfans ein Viertelfinale zwischen Niederlande und Brasilien versprochen, man hätte sich schon im Vorhinein den Tag frei genommen, um diesem Spiel beiwohnen zu können. Doch nun, einen Tag vor diesem Viertelfinale, hat sich die Vorfreude stark abgeschwächt, denn der bisherige Turnierverlauf hat gezeigt, dass beide Mannschaften keineswegs auf kreativschwangere Offensive setzen, wie es der fußballerische Stereotyp aussagt. Gerade die Brasilianer suchen ihr Heil in der kontrollierten Offensive statt in dem für sie stereotypischen Samba-Fußball.

Der Mann, der diese „neue Effizienz“ nach Brasilien brachte, heißt Carlos Dunga, seines Zeichens brasilianischer Nationaltrainer seit 2006, und ist in seiner Heimat alles andere als unumstritten. „Nur der WM-Titel kann Dunga den Job retten“, ist schon so etwas wie die Standartfloskel aller Kommentatoren bei Brasilienspielen geworden. Tatsächlich wünschen nicht wenige in Brasilien Dunga ein Versagen im Viertelfinale. Sein Spielstil, der sehr viel Wert auf eine gut organisierte Defensive legt, ist ebenso unbeliebt wie seine überprofessionelle Art. Ein Beispiel ist hierfür der Aufschrei, den Dunga mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit beim brasilianischen Training auslöste. Im professionellen Fußball des 21. Jahrhunderts ein absoluter Standart, passt dies so gar nicht zur brasilianischen Mentalität. Ein häufig gehörter Vorwurf gegen Dunga: Er will die Nationalmannschaft „deutsch machen“ und ihr die brasilianische Seele wegnehmen. So oder so ähnlich liest sich das in vielen Medien.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Wenn man sich Brasiliens Weltmeisterschaftsgeschichte anschaut, dann sieht man, dass der pure Sambafußball nie zum Titel geführt hat, im Gegenteil: Die Spielergeneration der 70er und 80er Jahre um Zico und Falcao, die wohl den offensivsten und fintenreichsten Sambafussball aller Zeiten gespielt hat, errang nie den Weltmeistertitel. Die große Weltmeistermannschaft der 50er und 60er um ihren genialen Kopf Pele wird in diesem Zusammenhang gerne als ordnungsfreie, zaubernde Truppe vom Zuckerhut verklärt, in Wahrheit war sie das ziemliche Gegenteil: Eine gut organisierte Mannschaft, die 1958 die Raumdeckung (wieder)entdeckte und aus einer gut organisierten Defensive auf schnelle Angriffe und geniale Einfälle von Pele und Didi setzte. Diese taktische Marschroute in Kombination mit einer beispiellosen Professionalität (der Legende nach wurden vor der WM 1958 470 Zähne bei den Spielern gezogen) sorgte für drei von vier gewonnen Weltmeisterschaften zwischen 1958 und 1970.

Nach diesen Triumphen kamen in Brasilien immer mehr die großen Zauberer und genialen Einzelkönner in den Mittelpunkt: Rivelino, Zico, Socrates, Falcao. Bei den Weltmeisterschaften zwischen 1978 und 1990 spielte man zwar stets den schönsten, offensivsten Fußball, scheiterte aber immer vorzeitig. Erst 1994 gewann man wieder den Weltmeistertitel, jedoch mit einer ganz anderen Marschroute: „Es ist an der Zeit, endlich mal wieder den Cup zu holen“, gab Trainer Parreira zu Protokoll – egal wie. Und so wurde Brasilien 1994 und 2002 erneut Weltmeister, beide Male mehr mit Effizienz und Kampf als mit Spektakel. 1994 dabei: Dunga.

2006 sollte erneut die Idee des Spektakels triumphieren, doch es endete in einer lustlosen Performance Brasiliens, das völlig zu Recht im Viertelfinale gegen Frankreich ausschied. So wurde der Weg frei für den Reformer Dunga. Mit großer Reform oder „Verdeutschung“ hat die brasilianische Nationalmannschaft von 2010 allerdings wenig zu tun, man setzt schlicht auf Tugenden, die Brasilien bereits fünfmal zum Sieg führten: Kontrollierte Offensive und absolute Professionalität. In Brasilien nehmen ihm das nicht wenige Übel: Dort hat die Nationalmannschaft der 80er Jahre noch immer einen besseren Ruf als die von 1994 und auch von 2002.

Und deshalb wird auch sicher beim Spiel morgen die Floskel nicht fehlen: „Alles andere als der Weltmeistertitel wird Dunga in seiner Heimat nicht verziehen.“