Das neue, alte Brasilien

Hätte jemand vor einem Jahr den weltweiten Fußballfans ein Viertelfinale zwischen Niederlande und Brasilien versprochen, man hätte sich schon im Vorhinein den Tag frei genommen, um diesem Spiel beiwohnen zu können. Doch nun, einen Tag vor diesem Viertelfinale, hat sich die Vorfreude stark abgeschwächt, denn der bisherige Turnierverlauf hat gezeigt, dass beide Mannschaften keineswegs auf kreativschwangere Offensive setzen, wie es der fußballerische Stereotyp aussagt. Gerade die Brasilianer suchen ihr Heil in der kontrollierten Offensive statt in dem für sie stereotypischen Samba-Fußball.

Der Mann, der diese „neue Effizienz“ nach Brasilien brachte, heißt Carlos Dunga, seines Zeichens brasilianischer Nationaltrainer seit 2006, und ist in seiner Heimat alles andere als unumstritten. „Nur der WM-Titel kann Dunga den Job retten“, ist schon so etwas wie die Standartfloskel aller Kommentatoren bei Brasilienspielen geworden. Tatsächlich wünschen nicht wenige in Brasilien Dunga ein Versagen im Viertelfinale. Sein Spielstil, der sehr viel Wert auf eine gut organisierte Defensive legt, ist ebenso unbeliebt wie seine überprofessionelle Art. Ein Beispiel ist hierfür der Aufschrei, den Dunga mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit beim brasilianischen Training auslöste. Im professionellen Fußball des 21. Jahrhunderts ein absoluter Standart, passt dies so gar nicht zur brasilianischen Mentalität. Ein häufig gehörter Vorwurf gegen Dunga: Er will die Nationalmannschaft „deutsch machen“ und ihr die brasilianische Seele wegnehmen. So oder so ähnlich liest sich das in vielen Medien.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Wenn man sich Brasiliens Weltmeisterschaftsgeschichte anschaut, dann sieht man, dass der pure Sambafußball nie zum Titel geführt hat, im Gegenteil: Die Spielergeneration der 70er und 80er Jahre um Zico und Falcao, die wohl den offensivsten und fintenreichsten Sambafussball aller Zeiten gespielt hat, errang nie den Weltmeistertitel. Die große Weltmeistermannschaft der 50er und 60er um ihren genialen Kopf Pele wird in diesem Zusammenhang gerne als ordnungsfreie, zaubernde Truppe vom Zuckerhut verklärt, in Wahrheit war sie das ziemliche Gegenteil: Eine gut organisierte Mannschaft, die 1958 die Raumdeckung (wieder)entdeckte und aus einer gut organisierten Defensive auf schnelle Angriffe und geniale Einfälle von Pele und Didi setzte. Diese taktische Marschroute in Kombination mit einer beispiellosen Professionalität (der Legende nach wurden vor der WM 1958 470 Zähne bei den Spielern gezogen) sorgte für drei von vier gewonnen Weltmeisterschaften zwischen 1958 und 1970.

Nach diesen Triumphen kamen in Brasilien immer mehr die großen Zauberer und genialen Einzelkönner in den Mittelpunkt: Rivelino, Zico, Socrates, Falcao. Bei den Weltmeisterschaften zwischen 1978 und 1990 spielte man zwar stets den schönsten, offensivsten Fußball, scheiterte aber immer vorzeitig. Erst 1994 gewann man wieder den Weltmeistertitel, jedoch mit einer ganz anderen Marschroute: „Es ist an der Zeit, endlich mal wieder den Cup zu holen“, gab Trainer Parreira zu Protokoll – egal wie. Und so wurde Brasilien 1994 und 2002 erneut Weltmeister, beide Male mehr mit Effizienz und Kampf als mit Spektakel. 1994 dabei: Dunga.

2006 sollte erneut die Idee des Spektakels triumphieren, doch es endete in einer lustlosen Performance Brasiliens, das völlig zu Recht im Viertelfinale gegen Frankreich ausschied. So wurde der Weg frei für den Reformer Dunga. Mit großer Reform oder „Verdeutschung“ hat die brasilianische Nationalmannschaft von 2010 allerdings wenig zu tun, man setzt schlicht auf Tugenden, die Brasilien bereits fünfmal zum Sieg führten: Kontrollierte Offensive und absolute Professionalität. In Brasilien nehmen ihm das nicht wenige Übel: Dort hat die Nationalmannschaft der 80er Jahre noch immer einen besseren Ruf als die von 1994 und auch von 2002.

Und deshalb wird auch sicher beim Spiel morgen die Floskel nicht fehlen: „Alles andere als der Weltmeistertitel wird Dunga in seiner Heimat nicht verziehen.“

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: