Die Kreuzigung und Wiederauferstehung des Sohn Gottes in Argentinien

Das kollektive Gedächtnis Argentiniens erinnert sich noch immer an den 30. Juni 2006, der Tag, an dem man sich im Viertelfinale der WM den Deutschen geschlagen geben musste. Jedoch erinnert man sich nicht an die verschossenen Elfmeter oder die Paraden von Jens Lehmann, eine andere Szene hat sich eingebrannt: Es war die 72. Minute, in der der vollkommen wirkungslose Riquelme ausgewechselt wurde (der angeblich auch angeschlagen war, wobei das heute als eine Schutzbehauptung gilt). Und anstatt einen anderen offensiven Mittelfeldspieler zu bringen – immerhin saßen die Kreativgenies Messi und Aimar auf der Bank der Argentinier – welchselte der argentinische Trainer Pekerman Cambiasso, einen zweiten defensiven Mittelfeldspieler, ein. Bis heute hält sich in Argentinien standhaft die Meinung, dass in diesem Moment das Spiel verloren wurde. Das, was danach kam, war eigentlich irrelevant.

Doch was ist daran so skandalös, wenn beim Stande von 1:0 in einem Viertelfinale der Weltmeisterschaft ein defensiver für einen offensiven Fußballspieler kommt? Für den europäischen Fußballfan nichts, für den argentinischen alles, denn nirgendwo auf der Welt wird der Spielmacher klassischer Art so vergöttert wie in Argentinien. Seit Maradonas großer Zeit in den 80ern werden die Spielmacher wie Gottes Abbild auf Erden verehrt. Ein Spiel ohne freien Mann hinter den Spitzen? Undenkbar! Der Spielmacher ist in Argentinien der Volksheld. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich Maradona seit dem Ende seiner Karriere einen Fehltritt nach dem anderen erlauben darf, ohne dass dies seiner Popularität allzu großen Abbruch tut. Vieles, was in Deutschland als Größenwahn durchgeht, wird in Argentinien den zentralen Spielmachern gestattet.

Genau daher bezog der Spielmacher Riquelme zu jener Zeit seinen Ruhm in Argentinien, obwohl er nie den ganz großen Durchbruch auf Vereinsebene geschafft hat. Bei Barcelona konnte er sich nie durchsetzen, nur bei kleineren Vereinen wie Villareal brillierte er, was vor allem mit seinem Spielstil zu tun hat: So gut er Bälle verteilen kann, so sehr läuft das Spiel in der Defensive an ihm vorbei. Er brauchte eine freie Rolle im Spiel abseits taktischer Marschrouten, die es heute eigentlich nicht mehr gibt. Das war auch sein Untergang im Vereinsfußball, der seine verlorene Rolle bei der Weltmeisterschaft 2006 schon im Vorhinein aufzeigte.

„Riquelme erinnert uns an die Zeit, als das Leben noch langsam lief und wir die Stühle vor die Häuser stellten und gemeinsam Fußball schauten.“ Dieses Zitat eines argentinischen Fußballfans belegt, wie tief der Spielmacher in der Kultur Argentiniens verwurzelt ist. Und doch war mit der WM 2006, sehr zum Murren der argentinischen Fans, das Ende des klassischen Spielmachers in Sicht, denn die freie Rolle hinter den Spitzen und die Fixierung auf einen zentralen Spielmacher gilt schon länger nicht mehr als zeitgemäß. Es schien das Ende der Erben von Maradona.

Doch dann kam der Meister höchstpersönlich: Diego Maradona wurde Trainer der Albiceleste. Und führte passend zur WM 2010 den freien Spielmacher wieder ein. Heute heißt er Messi und darf im Spiel der Argentinier machen, was er will. So gut wie jeder Ball aus der Defensive geht zunächst zu Messi, der dann die weitere Ballverteilung übernimmt. Das klassische argentinische System, leicht modernisiert, jedoch eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Vor allem, wenn man bedenkt, wie stark dieses System die anderen kreativstarken Spieler wie Tevez oder di Maria beschneidet. Die Schwächen dieser Spielphilosophie zeigte Griechenland in der Gruppenphase gnadenlos auf: Durch die konsequente Manndeckung Messis durch Papastathopoulos fand Argentinien nicht statt. Ein Tor nach einem Standart wurde benötigt, um den Bann gegen die Griechen zu brechen.

Die große Reform des argentinischen Fußballs, in dem der klassische Spielmacher zu Gunsten eines alle Spieler einbeziehenden Systems beschnitten wird, steht also noch aus. Vielleicht erweist sich Argentiniens System auch im 21. Jahrhundert als tragfähig – vielleicht steht die Reform aber auch schon morgen nach einer erneuten Viertelfinalpleite gegen Deutschland an…

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Eine Antwort to “Die Kreuzigung und Wiederauferstehung des Sohn Gottes in Argentinien”

  1. Philipp Says:

    Papadopoulos spielt bei Schalke, noch nicht in der Nationalmannschaft. 😀 Papastathopoulos war das.

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