Eine linke Revolution beim DFB

„Besser geht’s nicht, oder?“, „Deutschland auf dem Weg zum Titel“, „Ganz clever gespielt von der deutschen Mannschaft“ – die Leistung von gestern wird von der nationalen und internationalen Presse in den höchsten Tonen gelobt. Hätte vor zehn Jahren jemand behauptet, die deutsche Mannschaft wäre eines Tages die spielstärkste Mannschaft eines WM-Turniers, der durchschnittliche Fußballfan hätte nur müde gelächelt. Zu jener Zeit hatte der Rumpelfußball Hochkonjunktur, schön spielten die anderen. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich im deutschen Fußball einiges verändert. Wie kommt es, dass Deutschland heute so anders spielt als noch vor zehn Jahren?

Am Anfang einer jeden Veränderung steht oft eine Niederlage. Wer siegreich ist, sieht meist wenig Grund für eine innere Veränderung. Das gilt nicht nur für gesellschaftliche und politische Prozesse, sondern auch für fußballerische. In diesem Sinne konnte dem deutschen Fußball eigentlich nichts Schlimmeres passieren als die Titel bei der WM 1990 und der EM 1996. Denn während auf der ganzen Welt, von Brasilien bis nach Spanien, die Weichen für die Umstellung auf eine neue, moderne Art des Fußballspielens gelegt wurden, lief in Deutschland alles weiter wie früher. Keiner wollte an den veralteten Gewohnheiten wie Manndeckung und dem Spiel mit Libero sägen, wieso auch? Man hatte doch zwei Titel in einem Jahrzehnt gewonnen, ganz ohne modernen Taktikschnickschnack.

Erst zwei Niederlagen setzten einen Prozess der Erneuerung in Gang: Die 0:3-Niederlage im Viertelfinale der WM 1998 gegen Kroatien rief einige Modernisierer auf den Plan, aber erst das vollkommen unterirdische Abschneiden bei der EM 2000 machte klar, dass es mit der deutschen Marschroute nicht weiterging. Taktische und spielerische Mängel ließen das deutsche Team wirken, als wäre es mit einer Zeitmaschine direkt aus dem Jahr 1970 auf den Platz teleportiert worden. Hatte man in den letzten fünfzig Jahren stets Erfolg mit den „deutschen Tugenden“ gehabt, wurde allen konservativen Fußballkräften klar, dass im 21. Jahrhundert mehr benötigt wird als eine bravourös kämpfende Einheit.

Schaut man sich die Geschichte des deutschen Fußballs an, so zeigt sich, dass das Fußballspiel schon immer mehr als Kampfspiel denn als Ballspiel aufgefasst wurde. Das hat historisch seine Wurzeln im Militarismus und dem Führerprinzip der 10er, 20er und vor allem 30er Jahre, was auch auf den Fußball abperlte. Werte wie „Unterwürfigkeit gegenüber dem System“ und „Kampf bis zum Umfallen“ wurden damals von der Gesellschaft auf den Fußball übertragen, der das Volk zu „deutschen Tugenden und totaler Unterwürfigkeit“ erziehen sollte – und wollte, auch wenn der DFB lange Zeit seine Rolle im Nazi-Zeitalter schönredete.

Wer glaubt, dass diese Werte aus der (Vor-)Nazi-Zeit heute keinen Einfluss mehr haben, der braucht sich nur die durchschnittliche Berichterstattung nach einem Spiel anzuschauen: Wenn ein Spieler zahlreiche technische und taktische Fehler in einem Spiel begeht, wird er kritisiert – aber wenn ein Spieler (angeblich) nicht gekämpft hat, ist das für ihn das Todesurteil in der deutschen Berichterstattung. Selbst nach dem Sieg gestern wurde überproportional häufig das Wort „großer Kampf“ benutzt, obwohl es eigentlich das genaue Gegenteil war, eine große taktische und spielerische Leistung. Und auch der anhaltende Glaube daran, dass eine Mannschaft einen „starken Führer“ braucht, wurde mit der Verletzung Michael Ballacks kurz vor der WM noch einmal eindrucksvoll aufgezeigt. Fußball war in Deutschland stets eine konservative Sphäre, die noch länger als die sonstige Gesellschaft an altdeutschen Werten und Tugenden festhielt.

40 Jahre lang lief es so für den deutschen Fußball gut. Man war ein eingeschworenes Team, das im Zweifelsfall die besten Manndecker der Welt hatte, die bis zum Umfallen kämpften. Die wahren Helden der drei Weltmeistertitel waren Werner Liebrich, Berti Voigts und Guido Buchwald, die die zentralen gegnerischen Spieler Hidegkuti (Ungarn 1954), Cruyff (Niederlande 1974) und Maradona (Argentinien 1990) mit harter Manndeckung aus dem Spiel nahmen. Doch seit den 90er Jahren reicht Kampf und Manndeckung nicht mehr aus, um ein Spiel zu gewinnen. Das hat zum Einen damit zu tun, dass die Vorteile der Raumdeckung immer offensichtlicher wurden, zum Anderen mit der zunehmenden Geschwindigkeit des Spiels. Die über 90 Minuten anhaltende Konzentration, die früher dank effizienten Konditionstrainings eine deutsche Stärke war, ist heute zum Standart geworden. Früher waren die deutschen Tugenden eine Sieggarantie – heute muss jede Mannschaft 90 Minuten kämpfen, sonst hat sie automatisch verloren.

Genau in dieser Zeit, als der deutsche Fußballfan sich kaum noch wagte, ein Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft anzuschauen, kamen nach einer völlerschen Übergangsperiode Jürgen Klinsmann und Jogi Löw an die Macht. Sie krempelten den deutschen Fußball komplett um, mit Hilfe eines für einen DFB-Präsidenten eines sehr guten Jugendleiters Matthias Sammers und eines unerhört liberalen Theo Zwanzigers (der aber trotzdem ein recht konservativer Mensch ist, siehe seine langjährige CDU-Mitgliedschaft). Mit ihnen wurde der Muff von hundert Jahren aus dem DFB (zumindest teilweise) vertrieben, der deutsche Fußball wurde vom Kampf- zum Spielsport umgeschult. Den Lohn dafür sah man gestern: Deutschland gehört zu den spielstärksten Mannschaften der Welt. Ein Umstand, der vor zehn oder zwanzig Jahren als unmöglich schien.

Es bleibt nur zu hoffen, dass auch nach der WM dieser Kurs weiter beibehalten wird. Im Hintergrund des DFB drohen die ohnehin rumorenden, konservativen Kräfte den deutschen Fußball erneut um hundert Jahre zurückzuwerfen, in dem sie Bierhoff und Löw am liebsten entmachten würden. Derzeit sieht es aber zum Glück ganz gut aus…

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