Vom totalen Fußball zum totalen Opportunismus

Am Sonntag wissen wir, wer der neue Fußballweltmeister wird, eins ist jedoch jetzt schon sicher: Der Sieger des Finales wird seinen ersten Weltmeistertitel erringen. Obwohl beide Mannschaften bei Weltmeisterschaften der letzte Erfolg bisher vergönnt war, würde kaum jemand bezweifeln, dass im Endspiel zwei Fußballgiganten aufeinander treffen. Gerade Holland hat sich in den letzten Jahrzehnten mit seinem charakteristischen Kombinationsfußball mit Hang zur leichten Arroganz in der Weltspitze etabliert. Dabei scheint es kaum vorstellbar, dass die Niederlande vor fünfzig Jahren in der Fußballwelt keinerlei Bedeutung hatten. Als Beweis für diese kühne These soll ein kleines Zahlenspiel dienen: Zwischen 1949 und 1955 gewannen die Niederländer gerade einmal zwei von ihren 27 Spielen – die heutige Nationalmannschaft Luxemburgs hat in seinen letzten 27 Spielen genauso viele Siege errungen. Die Niederlande war also ein waschechter Fußballzwerg.

Und dann kam Johann Cruyff. Seine Gestalt überragt den gesamten holländischen Fußball. Seine Rolle wird oft mit der von Franz Beckenbauer im deutschen Fußball verglichen – eine übergroße Lichtgestalt, die über allem steht und deren Meinung heilig ist. Aber dieser Vergleich geht nicht weit genug: Franz Beckenbauer ist ein herausragender Teil des deutschen Fußballs – Johann Cruyff ist der niederländische Fußball. Zusammen mit seinem Trainer und Mentor Rinus Michel revolutionierten die beiden die Fußballtaktik und sorgten dafür, dass die niederländische Mannschaft von 1974 trotz der Finalniederlage gegen Deutschland als eines der besten Fußballteams aller Zeiten gilt.

Ihre Ideen waren genauso simpel wie erfolgreich: Zuvor wurde größtenteils Manndeckung betrieben und der Gegner bis zum eigenen 16er kaum gestört. Holland machte es genau anders herum: Der Gegner wird mit raumdeckendem Pressing bereits in dessen Hälfte unter Druck gesetzt, damit sich dessen Aufbauspiel gar nicht erst entfalten kann. Sobald man den Ball dann hatte, ließ man ihn geduldig zirkulieren, bis sich der Gegner kaputt gelaufen hat, um ihn dann durch Positionswechsel und Pässe in die Tiefe den letzten Stoß zu geben.

Dass diese Art von Fußball im liberalen Holland entstand, ist sicherlich kein Zufall. Die Ideologie, nichts dem Schicksal zu überlassen, passt nämlich perfekt zu dem Land in jener Zeit, das zu den säkularsten der Welt gehörte. Man setzte nicht einfach elf gute Fußballspieler ein und hoffte, dass der Fußballgott ihnen einen guten Tag schenkt; Fußball wurde minutiös geplant. Das begann beim Training und hörte bei der taktischen Marschroute für das Spiel auf. Die holländischen Spieler waren immer einen Tick fitter und einen Tick besser eingestellt als ihre Gegner. Mit dieser Art von Fußball stieß man schnell in die Weltspitze und etablierte in Holland eine Fußballkultur, die Cruyff und das schöne Kombinationsspiel abgöttisch verehrt. Auch in den kommenden Jahrzehnten schickte man oft tolle Fußballteams zu Turnieren, die die Tradition des „Voetball Total“ hochhielten.

Gebracht hat all der schöne Fußball in den letzten vierzig Jahren jedoch nichts außer anerkennenden Worten und einen EM-Titel 1988. Die Holländer starben bei WMs stets in Schönheit, wie es der Volksmund so schön umschreibt. Doch genau das hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Schon unter Advocaat und dann vor allem unter van Basten war zu erkennen, dass die Holländer abkehren vom offensiven „Voetball total“. Bei der EM vor zwei Jahren glänzte man in der Vorrunde mit gut organisierter Defensive und nadelstichartig gesetzten Kontern. Bert van Marwijk baute diesen Stil noch aus und setzt auf effektiven, pragmatischen Fußball. Kritiker werfen dem niederländischen Spiel einen „totalen Opportunismus“ vor, dem es nur um das Ergebnis geht. Dass die Holländer so spielen, ist nach den Jahrzehnten vergebener Mühe kein Wunder. Arjen Robben brachte die Metamorphose des holländischen Fußballs auf einen Punkt: „Ich möchte lieber ein hässliches Spiel gewinnen, als dass wir schön spielen und am Ende verlieren.“

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass man genau auf Spanien trifft, die die wahren Erben des Cruyff’schen „Voetball Total“ sind. Die niederländische Mannschaft ist aufgrund ihres eher unansehnlichen Stils in der Heimat nicht unumstritten. Fußballgott Johann Cruyff hat das ausgesprochen, was wohl so mancher in seinem Heimatland denkt: „Wen ich unterstütze? Ich bin Niederländer. Aber ich unterstütze den Fußball, den Spanien spielt.“

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