Das Märchen vom sauberen Fußball

Der frisch gebackene Fußballweltmeister Andres Iniesta und der Radrennfahrer Andy Schleck scheinen zunächst einmal nicht viel miteinander zu tun haben – der eine ist ein kleingewachsener Spanier, der andere ein durchschnittlich großer Luxemburger. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch sehr viele Gemeinsamkeiten: Beide sind Ausnahmeathlethen ihrer Zunft. Beide haben am Wochenende den größten Triumph ihrer Karriere gefeiert, Iniesta mit seinem Tor im WM-Finale, Andy Schleck mit einem Tour de France-Etappensieg. Und beide haben schon einmal für Mannschaften gearbeitet, die dem überführten Dopingarzt Eufemiano Fuentes Vermutungen zufolge ziemlich nahe standen – Schleck für CSC, Iniesta für den FC Barcelona.

Das mag bei einem erfolgreichen Radsportler in diesen Zeiten niemanden mehr verwundern, denn der Radsport ist nach öffentlicher Meinung „total verseucht“. Wenn man allerdings so etwas über einen Fußballer hört, stutzt man erst einmal: Iniesta? FC Barcelona? Doping? Nein, das kann nicht sein, Fußball ist doch der saubere Sport schlechthin!

Der Fußball hat es geschafft, in der breiten Öffentlichkeit ein sauberes Image zu behalten, obwohl es viele Indizien gibt, dass auch im Fußball auf breiter Basis Doping getrieben wird. Auch wenn von Funktionärsseite oft behauptet wird, dass sich Doping in einem so komplexen Mannschaftssport nicht lohnt, da die medikamentöse Verbesserung der Athletik und Ausdauerfähigkeit im Fußball nichts bringen würde, gibt es aus der Vergangenheit genug nachgewiesene Dopingfälle. Schon bei der WM 1954 gab es Mutmaßungen, dass Doping beim „Wunder von Bern“ eine zentrale Rolle gespielt habe. Damals haben sich die deutschen Spieler in der Halbzeit Spritzen gesetzt, wie der ungarische Kapitän Ferenc Puskas nach dem Spiel behauptete. Die DFB-Elf stritt dies niemals ab, man behauptet jedoch bis heute steif und fest, dass es sich nur um ganz legale Traubenzuckerinjektionen handelte. Eine Behauptung, an der laut anerkannten Sportwissenschaftlern zumindest Zweifel herrschen. Vermutungen zufolge haben sich die Deutschen einen Vorteil durch Einnahme des Aufputschmittels Pervetin geschaffen, das vor allem im zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, damit sich die Kriegspiloten besser konzentrieren konnten.

Auch der großen Ajax-Mannschaft der 70er Jahre, auf die in diesem Blog bereits näher eingegangen wurde, wird Doping nachgesagt. Die Holländer konnten mit ihrer neuen Spielweise plötzlich wesentlich größere Laufwege durchführen als ihre Gegner, was viele Zweifler auf den Plan rief. Ein Masseur der damaligen Zeit, Salo Müller, enthüllte in seiner Autobiographie 2006 flächendeckendes Doping bei Ajax in jenen Jahren. Übrigens: Die erste Mannschaft, die ein ähnliches Spiel wie die Holländer aufziehen konnte, war selber höchstwahrscheinlich gedopt: Dynamo Kiew war zu dieser Zeit Teil des sowjetischen Staatsplan Doping. Auch für die DDR-Auswahl jener Jahre ist Doping über Stasi-Akten nachweisbar.

Eine weitere große Mannschaft der Fußballgeschichte, die nachträglich des Dopings überführt wurde, hat vor noch nicht allzu langer Zeit gewirkt: Juventus Turin erreichte von 1996 bis 1998 immer das Champions League-Finale, und das nicht nur mit gutem Fußball. Ein Gericht hat bestätigt, dass zu jener Zeit das populäre Mittel EPO von den Spielern eingenommen wurde – ein Mittel, das sonst eher im Zusammenhang mit Radsportlern genannt wird.

Die Dopinggeschichten ließen sich beliebig weiter fortführen: Von Franz Beckenbauer, der Blutdoping in den 70ern offen zugab, über die Einnahme des Aufputschmittel Capagon in der Bundesliga in den 80ern bis hin zum Fuentes-Skandal unserer Tage. Fuentes wird zwar oft nur mit Doping im Radsport in Verbindung gebracht, es gibt aber auch Indizien, dass er im Fußball aktiv war: Die französische Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte schon vor mehreren Jahren einen Bericht, in dem Fuentes angeblich behauptet, dass auch Real Madrid und der FC Barcelona zu seinen Kunden zählten – und damit auch fast die komplette aktuelle Weltmeistermannschaft aus Spanien. Beide Vereine klagten erfolgreich dagegen, was die Aussagen der „Le Monde“ jedoch nicht weniger glaubwürdig macht. Denn viele Kritiker befürchten, dass im Fuentesfall nicht allen Spuren glaubwürdig bis zum Ende nachgegangen wurde, gerade im Fußball, der ein spanisches Nationalheiligtum darstellt. Besonders ein Interview mit Stéphane Mandard, dem Chef der Sportredaktion der „Le Monde“, ist in diesem Zusammenhang höchst interessant.

Die anhaltenden Beteuerungen, dass es im Fußball kein Doping gibt, scheint wenig nachvollziehbar. Schaut man sich die Leistungen an, die die Sportler heute erreichen, wirkt Doping im Spitzensport logisch: Das Laufpensum hat sich in den letzten 30 Jahren pro Spiel mehr als verdoppelt, die Anzahl der Spiele hat sich auch erhöht. Spitzenfußballer haben heutzutage zehn Monate am Stück zwei Spiele pro Woche, in denen sie über 10 km zurücklegen, knapp zwanzig Prozent davon im Sprint. Wenn schon weit weniger eindrucksvolle Leistungen in den 70ern nur unter Doping erreicht werden konnten, scheint es unglaubwürdig, dass man nur aufgrund neuer Methoden in der Trainingslehre heutzutage weitaus bessere Leistungen erbringen kann. Zumindest Doping im regenerativen Bereich ist bei den unphysiologisch geringen Verletzungszeiten mehr als wahrscheinlich. Solche Dinge muss man auch im Hinterkopf behalten, wenn man sich die Leistungen anschaut, die manche Spieler und Nationen bei einer Fußballweltmeisterschaft abliefern.

Aber der Fußball wird weiter sein sauberes Image behalten, und niemand hat ein Interesse daran, einen Skandal hochzubeschwören, gerade in Zeiten, in denen Rekordwerbesummen verdient werden und in denen Anders Iniestas Tor am Wochenende weltweit Rekordquoten im Fernsehen einheimste. Wohin ein Dopingskandal nämlich führen kann, hat jüngst der Radsport gezeigt: Das Interesse am Sieg Andy Schlecks am Sonntag hätte kaum geringer sein können…

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