Archive for März 2011

Der Homo Internetsis und das Feuer

25. März 2011

Gerade hat mich zum hundertstem Mal eine Radiostation mit einer ihrer großartigen Ideen überrascht: Da wird ein Mitarbeiter abgestellt, dass er – und jetzt halte man sich aufgrund der einmaligen Innovativität dieser Idee fest – einen ganzen Monat(!) ohne(!!) Internet und Handy (!!!) leben muss. Nein! Sowas! Geht das denn überhaupt? Die Antwort wird natürlich prompt mitgeliefert: Ja, natürlich geht es, und es soll ja angeblich „befreien“ und einen von dieser „modernen Höher-schneller-weiter Gesellschaft“ wegbringen, die ja mit ihren modernen (Achtung, Denglisch!) Devices immer mehr Reize böte und den Menschen so unglaublich unter Druck setze. Wieder bewusster leben, lautet das Motto. Wie viel Chaos dieses Zeugs auch ins Leben der Menschen bringt: Ständig diese Mails checken! Immer wieder was Neues bei Facebook! Und die ganzen SMS erst! Nein, da muss man aussteigen, und noch besser als aussteigen ist natürlich noch ein Magazin / Radiostation / Fernsehsender, der diesen Ausstieg medienwirksam begleitet und vergütet. Ein Medium berichtet quasi darüber, wie schön es sich ohne Medien lebt. Ironieallergiker haben spätestens an diesem Punkt einen epileptischen Anfall.

Wenn ich solch einen Bericht höre, frage ich mich unweigerlich: War der Mensch schon immer so? Es ist ja aktuell sehr in, alles auf den Steinzeitmenschen zu beziehen. Angeblich ist der Mensch ja nur so, wie er ist, weil er genau so als Steinzeitmensch war. Das evolutionäre Äquivalent zur frühkindlichen Erziehung, nur ohne Probleme bei der Kitaplatzbeschaffung. Wie hat dieser Steinzeitmensch, der ja das Vorbild des heutigen „Homo Internetsis“ ist, beispielsweise auf die Erfindung des Feuers reagiert? Es gab da doch bestimmt auch Leute, die mit diesem neumodischen „Feuer“ so überhaupt nichts anfangen konnten. Diese Reizüberflutung durch die flackernden Flammen! Die Gefahr, sich zu verbrennen! Und dann erst die ganzen neuen Optionen für’s Leben! Früher ging das ganz einfach: Da wurde einfach der Säbelzahntiger getötet und gegessen. Und jetzt? Muss man sich entscheiden: Gekocht? Gebraten? Medium? Rare? Mit oder ohne Kräuterbutter? Nein, so viel Freiheit tut dem Menschen nicht gut, haben sich bestimmt einige Steinzeitmenschen gedacht, und das Feuer boykottiert. Einfach mal vier Wochen ohne Feuer leben, sagte sich der kluge Steinzeitmann, und danach alle Kumpels erzählen, wie viel näher man der Natur gekommen sei. Keine unnötige Wärme, kein gepökeltes Rindfleisch, einfach nur Mensch und Natur! Schade, dass es noch nicht Prosieben und taff gab, um einen Bericht über sie zu drehen.

Ob diese Menschen die Evolution überlebt haben, darf bezweifelt werden. Ihre Eigenschaft, alles neumodisch-nützliche als Teufelswerk abzutun, hat sich aber bis ins 21. Jahrhundert sehr gut gehalten.

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