TV-Berichterstattungsbashing 2.0

In den letzten Wochen haben die Medien Spielverlagerung entdeckt. Ich persönlich bin natürlich sehr froh darüber, dass wir so viel Aufmerksamkeit bekommen. Dies hat den interessanten Nebeneffekt, dass wir während dieser Euro mehr Interviewanfragen beantworten als Spiele anschauen. Anders als der DFB, der laut den Kolleginnen und Kollegen in Danzig gerne mal Interviewanfragen einfach unter den Tisch fallen lässt, beantwortet unser Team alle Mails. Dabei komme ich nicht umhin, selber einige Interviews zu geben und dabei die ein oder andere Frage mehrfach zu beantworten.

Neben „Wie entstand Spielverlagerung?“ und „Wie wird man zum Taktik-Experten?“ (die inflationäre Benutzung des Wortes Experten macht mir im Übrigen Angst) lautet die Klassikerfrage: „Wie hältst du es denn mit der Berichterstattung im Fernsehen?“ Mir fällt die Beantwortung dieser Frage nicht einfach, vor allem weil ich weiß, dass die Interviewer eine medienkritische Antwort erwarten. (Dass sie diese wohl kaum von einem Mitarbeiter einer Internetseite, welche für Eurosport und das ZDF schreibt, bekommen werden, steht wiederum auf einem anderen Blatt Papier.)

Die Antwort fällt mir aber vor allem schwer, weil ich nicht unbedingt der Meinung bin, dass Taktik und intensives Fußballfachwissen unbedingt zu einer EM-Übertragung gehören. In diesem Fall bin ich sogar teilweise bei Erich Laaser, der in einer Studentensendung vor einigen Wochen auf meine Frage, wieso Taktik und Sportpolitik nicht öfters Beachtung finden bei den TV-Übertragungen, antwortete: „Wenn sie Fußball im frei empfangbaren Fernsehen nehmen, sind es meist so genannte Topspiele, sprich Länderspiele, Champions League Spiele, Pokalspiele oder auch mal das erste Spiel einer Saison. Ich glaube, das ist dann der falsche Adressatenkreis, um da tiefschürfende Diskussionen über die Rolle des rechten Verteidigers zu führen. Ich glaube, dass bei sechs, sieben, acht Millionen Zuschauern… die das nicht verstehen würden.“

In der Tat, wenn wie gestern Abend 27 Millionen vor dem Fernseher und weitere X Millionen auf der Fanmeile und in Kneipen die Deutschland-Spiele sehen, finde ich es nicht unbedingt falsch, wenn die Sender und Kommentatoren höchstens an der Oberfläche kratzen. Das hat mit Fußball zwar oft wenig am Hut, für rund 90% der Zuschauer gilt allerdings dasselbe.

Allerdings hat Laasers Theorie einen kleinen Haken: Pro Saison gibt es, selbst im frei empfangbaren Fernsehen, nicht mal ein Dutzend Spiele, die diese Zuschauermarke überspringen (Großereignisse wie EMs und WMs ausgeklammert). Das trifft maximal auf Länderspiele, Partien mit Bayern-Beteiligung oder Champions League Spielen gegen die Großen dieser Welt zu. Alles andere, was im TV läuft, sei es die Copa America, die Europa League oder auch Frauenfußball, wird nur von den Leuten gesehen, die entweder Fan der betreffenden Mannschaften oder komplett fußballverrückt sind.

Mein größtes Problem mit der Berichterstattung ist dabei, dass sie – egal, wer gerade spielt – stets gleich abläuft. Nachdem die Europa League wegen mangelnder Quote von Sat 1 auf Kabel 1 abgeschoben wurde, war die Reaktion nicht ein Mehr an kompetenter Berichterstattung für die paar Millionen Zuschauer, welche sich größtenteils aus Hannover und Schalke Fans speisten, stattdessen wurde eine ins Detail gehende Vorberichterstattung komplett von der Agenda gestrichen.

Aus demselben Grund ärgert mich ein schwacher Kommentar beim Spiel Niederlande gegen Portugal mehr als ein Phrasendrescher bei einem Deutschlandspiel. Am gestrigen Abend kommentierte Gerd Gottlob die Parallelpartie in Gruppe B mit derselben Herangehensweise wie alle seine anderen Partien, inklusive der einsteigerfreundlichen Vorstellungen der Spieler und Allgemeinplätzen wie „Jetzt haben die Niederländer den Faden verloren“. Doch für welche Zuschauerschaft? Wer an diesem Abend nicht das Deutschland-Spiel schaute, war entweder Portugiese, Niederländer oder aus anderen Gründen mit den beiden Mannschaften verbunden. Da muss niemand mehr erklären, wer van der Vaart ist – stattdessen wäre eine Erläuterung, was die taktischen Vor- und Nachteile seiner Aufstellung sind, wohl in wesentlich größerem Interesse der paar Tausend Zuschauer gewesen.

Mich stört diese völlige Ignoranz gegenüber der angepeilten Zielgruppe bei den TV-Machern – wie auch bei den Fans übrigens. Dass wir mit folkloristischer Pünktlichkeit zur EM eine Debatte führen müssen, wie furchtbar inkompetent doch alle Kommentatoren seien, finde ich höchste befremdlich, immerhin kommentieren sie für zig Millionen Menschen, die von Fußball nix verstehen. Der klassische Fan, der im Jahr 50+ Spiele schaut, ist zur EM in einer klaren Minderheit, die Event-Fans dominieren – und finden die oberflächliche Berichterstattung, so mein subjektiver Eindruck aus dem Freundes- und Familienkreis, meist gar nicht so schlimm. Natürlich wäre ich persönlich glücklicher, wenn ARD und ZDF sich trauen würden, den „Event-Fans“ Fußball zu erklären. Andererseits bin ich nicht marktblind und weiß genau, dass im Zweifel ein neuer Publikumsrekord bessere PR ist als die Gewissheit, ein paar Leute weitergebildet zu haben.

Und so werde ich mich auch in der nächsten Saison wieder aufregen, wenn die TV-Sender stets dieselbe Strategie fahren, egal ob gerade ein Champions League Finale oder ein Spiel aus Südamerika übertragen wird. Aus meiner Sicht ist dies ein größerer Kritikpunkt als das ewige EM-Kommentatoren-um-die-Wette-beleidigen.

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2 Antworten to “TV-Berichterstattungsbashing 2.0”

  1. om Says:

    Jap

  2. Abenteuer Fußball » Querpass – Linktipps #4 | Fußball von der Weltmeisterschaft bis zur Oberliga Says:

    […] “TV-Berichterstattungsbashing 2.0″ (T0bstar’s Blog) […]

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