Archive for März 2014

Die Mär von der Spannung im Fußball

26. März 2014

Ich hatte einst eine Deutschlehrerin, die zu jener Spezies Lehrer gehörte, die leider vollkommen den Beruf verfehlt hatte. Sie hatte keine Geduld und kein Verständnis für Jugendliche, der Schulstoff war ihr zu langweilig und dröge, sie tolerierte nie andere Meinungen als ihre eigene. Die Frau war eine Katastrophe als Lehrerin, und wenn ich von ihr doch nur Negatives in Erinnerung behalte, eine wichtige Sache hat sie mich gelehrt. Sie duldete in Buchbesprechungen nicht das Urteil, das „Werk“ (Buch darf man ja nicht sagen!) sei langweilig. „Spannung ist kein Kriterium großer Literatur!“, betete sie uns vor.

So ungern ich es zugebe: Die Frau hatte Recht. Und zwar nicht nur in Bezug auf Literatur. Große Filme brauchen keine Spannung. Große Videospiele auch nicht. Und großer Fußball erst Recht nicht.

Es wundert mich immer wieder, dass selbst professionelle Schreiberlinge, die mit Fußball ihr Geld verdienen, letzteres nicht verstehen können bzw. wollen. Ich schaue rund 200 Fußballspiele im Jahr. Die Mehrzahl dieser Spiele ist – nach Gesichtspunkten der Spannung und Dramatik – pure Langeweile. Es wird immer wieder gesagt, der Fußball sei so toll, weil alles passieren kann. Klar, nur passiert nur sehr selten alles und sehr oft nichts. Ein Team geht in Führung und gewinnt – so laufen gefühlt 75% aller Fußballspiele. Der entscheidende Treffer in der Schlussphase oder das verrückte 4:4 sind die absolute Ausnahme (und selbst bei solchen Spielen ist nicht gesagt, dass nicht auf 80 Minuten Langeweile 10 Minuten Spannung folgen).

Fast schon absurd erscheint mir unter diesem Hintergrund der Vorwurf, der FC Bayern mache die Liga langweilig. Die Liga, das können Sie mir als zumeist neutralem Zuschauer glauben, ist auch so eher selten spannend. 50% der Ergebnisse konnte ich in LizasWelts Tippspiel diese Saison richtig vorhersagen – und mit diesem enttäuschenden Ergebnis bin ich nicht einmal in den Top 50. Nicht nur der Ausgang der Partien mit Bayern-Beteiligung, sondern auch der meisten anderen Partien ist vorhersehbar.

Und selbst wenn es doch einmal zur Sensation kommt, heißt das keineswegs, dass das Spiel hochklassig sein muss. Wie oft habe ich in meinem Leben schon erleben „dürfen“, dass ein Team sich mit einem 4-4-2-Mittelfeldpressing gegen einen überforderten Favoriten einmauert? Das macht Spaß, solange man es einmal pro Jahr erlebt. Wenn man sich aber berufsbedingt viele solcher Trauerspiele antun muss, macht es keinen Spaß. Es ist Leid pur.

Großer Fußball braucht keine Spannung. Und genau darum schaue ich mir in dieser Saison die Spiele der Bayern lieber an als die Spiele sämtlicher anderer Bundesliga-Teams. Weil ich etwas geboten bekomme, was ich nicht jeden Tag sehe. Weil Pep Guardiola sein Team von Spiel zu Spiel neu erfindet. Weil er Innovationen wie den falschen Außenverteidiger einbaut, während andere Teams das xte Spiel in Folge auf ein 4-4-2-Mittelfeldpressing setzen. Weil das, was die Bayern spielen, einfach großartiger Fußball ist. Und das sage ich als jemand, der ansonsten eher kein fanatischer Anhänger des Ballbesitzfußballs ist.

Natürlich ist es schön, wenn ein gegnerischer Trainer sich etwas einfallen lässt und die Bayern ärgert. Aber es macht auch Spaß, wenn dies nicht der Fall ist. Auf jeden Fall mehr Spaß als ein 1:0 irgendeines Mauerbollwerks gegen ein Team ohne Offensivstrategie.

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Der Gehälter-Irrsinn des „modernen Fußballs“ der 50er

23. März 2014

Der „moderne Fußball“ ist eine der Lieblingsphrasen der Fußballschreiberlinge dieser Welt. Mal wird er verteufelt, mal verteidigt, mal wird einem völlig unschuldigen Twitterati vorgeworfen, er befürworte ihn, obwohl ihn nur RB Leipzig langweilt. Interessanterweise ist diese Phrase älter als der moderne Fußball selbst; schon in den 50er Jahren findet man den Begriff zuhauf in Publikationen wie dem kicker, zu jener Zeit noch ein Magazin, dass sich nahezu ausschließlich mit dem Geschehen auf dem Platz auseinandersetzte.

Das habe ich unter der Woche selbst feststellen dürfen, als ich in der Dortmunder Staatsbibliothek in alten kicker-Ausgaben geblättert habe. Eigentlich wollte ich nur ein paar vergessene Fakten und Anekdoten aus der Fritz Walter’schen Zeit aufschnappen – eine Ära, die mich schon immer gefesselt hat. Wirklich zum Nachdenken hat mich jedoch eine andere Geschichte gebracht.

In den 50er Jahren brach in Deutschland das Toto-Fieber aus. Während Deutschland wiederaufgebaut wurde und viele Menschen sich ins Private zurückzogen, reizte die Versuchung des schnellen Gelds. Sportwetten waren damals strikt organisiert, und so konnte man beim Toto nur Geld gewinnen, wenn man mehrere Spiele richtig getippt hat – eine Kombiwette sozusagen. Der große Abräumer des Jahres 1953 hieß Herrmann Rosenberger, der über 600.000 DM mit seinen richtigen Tipps gewann. Ein dicker Batzen Geld. Inflationsbereinigt wäre das mehr, als so mancher Bundesligaspieler heute verdient. Kein Wunder, dass Herr Rosenberger auf den Titeln vieler Boulevard-Zeitungen landete und sogar der sonst so überhaupt nicht boulevardeske kicker ihm eine Sonderseite widmete.

In derselben Ausgabe des kickers findet sich eine andere Meldung. Die Liga hat beschlossen, den Vertragsspielern (ein seltsames Konstrukt – nicht ganz Profi, nicht ganz Amateur) ein Höchstgehalt von 350DM im Monat anstatt von 250DM zuzugestehen. 4200 DM im Jahr. Ein Hundertstel von dem, was findige Toto-Spieler mit dem Fußball verdienen konnten. Der Fußball war allerdings schon zu jener Zeit ein großes Geschäft. Toto, Stadioneinnahmen, Auslandsreisen, Freundschaftsspiele in der Pampa – die Macher hinter den Kulissen waren damals schon so geschäftstüchtig wie heute.

Nur die Fußballspieler, sie verdienten nichts bzw. sehr wenig. Natürlich gab es unter der Hand Zahlungen an die besten Spieler des Landes. Herberger, so wird gemunkelt, hat dafür gesorgt, dass seine liebsten Nationalspieler an den Toto-Einnahmen mitverdienten. Zufälligerweise hatte zu jener Zeit jeder zweite Nationalspieler eine Toto-Annahmestelle. Wer sich aber doof anstellte und bei illegalen Bonuszahlungen erwischt wurde, musste mit langen Sperren rechnen. So findet sich im selben Heft der Fall eines Spielers namens Schröder, der vom HSV ein Handgeld in Höhe von 15.000 Mark kassierte. Schröder musste zwei Jahre Sperre erdulden und dem HSV wurden vier Punkte abgezogen, wodurch er sogar fast in Abstiegsnot geriet.

Warum erzähle ich Ihnen das, lieber Leser? Nun: Kritiker des modernen Fußballs reiben sich gerne an den Millionengehältern der Spieler. Nur: Der Fußball wirft dieses Geld nun einmal ab. Ich finde es gerecht, dass Messi mit einem Lupfer zigfach so viel Geld verdient wie die meisten Sportwetten-Süchtigen in ihrem gesamten Leben. Ich finde, wenn ein Fußballverein einen zehnstelligen Umsatz verbucht, hat er die Verpflichtung, dieses Geld für die Iniestas und Lahms und Daniel Baiers dieser Welt auszugeben und nicht als Dividende an Aktionäre oder katarische Ölscheichs auszuschütten. Für mich ist es eine der größten Sünden des deutschen Fußballs, dass manche Weltmeister von 54 nie wirklich Profit aus ihrem Titel schlugen, während Toto-Glückspilze für ihr Leben ausgesorgt hatten.

Früher war eben doch nicht alles besser.