Der Gehälter-Irrsinn des „modernen Fußballs“ der 50er

Der „moderne Fußball“ ist eine der Lieblingsphrasen der Fußballschreiberlinge dieser Welt. Mal wird er verteufelt, mal verteidigt, mal wird einem völlig unschuldigen Twitterati vorgeworfen, er befürworte ihn, obwohl ihn nur RB Leipzig langweilt. Interessanterweise ist diese Phrase älter als der moderne Fußball selbst; schon in den 50er Jahren findet man den Begriff zuhauf in Publikationen wie dem kicker, zu jener Zeit noch ein Magazin, dass sich nahezu ausschließlich mit dem Geschehen auf dem Platz auseinandersetzte.

Das habe ich unter der Woche selbst feststellen dürfen, als ich in der Dortmunder Staatsbibliothek in alten kicker-Ausgaben geblättert habe. Eigentlich wollte ich nur ein paar vergessene Fakten und Anekdoten aus der Fritz Walter’schen Zeit aufschnappen – eine Ära, die mich schon immer gefesselt hat. Wirklich zum Nachdenken hat mich jedoch eine andere Geschichte gebracht.

In den 50er Jahren brach in Deutschland das Toto-Fieber aus. Während Deutschland wiederaufgebaut wurde und viele Menschen sich ins Private zurückzogen, reizte die Versuchung des schnellen Gelds. Sportwetten waren damals strikt organisiert, und so konnte man beim Toto nur Geld gewinnen, wenn man mehrere Spiele richtig getippt hat – eine Kombiwette sozusagen. Der große Abräumer des Jahres 1953 hieß Herrmann Rosenberger, der über 600.000 DM mit seinen richtigen Tipps gewann. Ein dicker Batzen Geld. Inflationsbereinigt wäre das mehr, als so mancher Bundesligaspieler heute verdient. Kein Wunder, dass Herr Rosenberger auf den Titeln vieler Boulevard-Zeitungen landete und sogar der sonst so überhaupt nicht boulevardeske kicker ihm eine Sonderseite widmete.

In derselben Ausgabe des kickers findet sich eine andere Meldung. Die Liga hat beschlossen, den Vertragsspielern (ein seltsames Konstrukt – nicht ganz Profi, nicht ganz Amateur) ein Höchstgehalt von 350DM im Monat anstatt von 250DM zuzugestehen. 4200 DM im Jahr. Ein Hundertstel von dem, was findige Toto-Spieler mit dem Fußball verdienen konnten. Der Fußball war allerdings schon zu jener Zeit ein großes Geschäft. Toto, Stadioneinnahmen, Auslandsreisen, Freundschaftsspiele in der Pampa – die Macher hinter den Kulissen waren damals schon so geschäftstüchtig wie heute.

Nur die Fußballspieler, sie verdienten nichts bzw. sehr wenig. Natürlich gab es unter der Hand Zahlungen an die besten Spieler des Landes. Herberger, so wird gemunkelt, hat dafür gesorgt, dass seine liebsten Nationalspieler an den Toto-Einnahmen mitverdienten. Zufälligerweise hatte zu jener Zeit jeder zweite Nationalspieler eine Toto-Annahmestelle. Wer sich aber doof anstellte und bei illegalen Bonuszahlungen erwischt wurde, musste mit langen Sperren rechnen. So findet sich im selben Heft der Fall eines Spielers namens Schröder, der vom HSV ein Handgeld in Höhe von 15.000 Mark kassierte. Schröder musste zwei Jahre Sperre erdulden und dem HSV wurden vier Punkte abgezogen, wodurch er sogar fast in Abstiegsnot geriet.

Warum erzähle ich Ihnen das, lieber Leser? Nun: Kritiker des modernen Fußballs reiben sich gerne an den Millionengehältern der Spieler. Nur: Der Fußball wirft dieses Geld nun einmal ab. Ich finde es gerecht, dass Messi mit einem Lupfer zigfach so viel Geld verdient wie die meisten Sportwetten-Süchtigen in ihrem gesamten Leben. Ich finde, wenn ein Fußballverein einen zehnstelligen Umsatz verbucht, hat er die Verpflichtung, dieses Geld für die Iniestas und Lahms und Daniel Baiers dieser Welt auszugeben und nicht als Dividende an Aktionäre oder katarische Ölscheichs auszuschütten. Für mich ist es eine der größten Sünden des deutschen Fußballs, dass manche Weltmeister von 54 nie wirklich Profit aus ihrem Titel schlugen, während Toto-Glückspilze für ihr Leben ausgesorgt hatten.

Früher war eben doch nicht alles besser.

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Eine Antwort to “Der Gehälter-Irrsinn des „modernen Fußballs“ der 50er”

  1. #Link11: Auf den Punkt gebracht | Fokus Fussball Says:

    […] 9. Grundsätzliches: werderblog.net schreibt anlässlich des Sponsoreninterviews von Pep Guardiola über “Das Vertrauen in die Sportmedien”, Abenteuer Fußball bloggt über eine interessante Bundesliga, die nicht nur aus dem Kampf um die Meisterschaft besteht. Kollege Tobias Escher war in der Dortmunder Staatsbibliothek auf der Suche nach Anekdoten aus der Ära Fritz Walter und bringt seine Gedanken über den Gehälter-Irrsinn der fünfziger Jahre zu Papier oder wie das hier in diesem Neuland auch heißt (Tobstars Blog). […]

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