„Seit zehn Spielen unter Flutlicht ungeschlagen“

Dass ich als Taktiker nicht mit vielen übereinstimme, was im Spiegel-Artikel zur BVB-Krise steht, dürfte in der Natur der Sache liegen. Die Autoren bescheinigen den BVB-Spielern in erster Linie ein Kopfproblem. Ich will den Artikel gar nicht verdammen, er ist gut recherchiert und gut geschrieben. Die Autoren haben halt einen anderen Blickwinkel auf den Fußball als ich. Passiert.

Ich möchte aber anhand des Artikels auf ein allgemeines Hirngespinst hinweisen, weil es immer wieder vorkommt und in diesem Artikel ein besonders gutes (bzw. schlechtes) Bespiel heraussticht: die weit verbreitete, willkürliche Nutzung von Statistiken. Im Artikel steht:

„Aber dass die Spieler in den ersten zehn Partien im Schnitt 253mal losspurteten, in den letzten sieben, mit der Angst im Nacken, nur noch 228mal, das zeigt, wo ein massives Problem ist: in den Köpfen.“

Abgesehen davon, dass ich persönlich Sprints nicht als Kopf-, sondern als Beinproblem darstellen würde; es ist eins der vielen Beispiele für zurechtgebogene Statistiken, um eine These zu unterstreichen. Wieso der Zeitraum ab dem 11. Spieltag? Wieso fängt man mit der Zählung ausgerechnet beim Gladbach-Spiel an, das eins der stärksten der Dortmunder in dieser Saison war? Wieso fängt man nicht bei den Niederlagen gegen Köln oder Hannover an, als die Krise so richtig greifbar wurde, oder beim Spiel gegen Paderborn am 12. Spieltag?

Die Antwort ist simpel: Finge man früher an, müsste man auch den 10. Spieltag gegen die Bayern reinnehmen, an dem die Dortmunder 279-mal zum Sprint ansetzten. Finge man später an, würde plötzlich das Gladbach-Spiel mit „nur“ 237 Sprints die erste Zahl herunterreißen. Die ganze Argumentation bräche zusammen(, die ohnehin schon recht dünn ist, denn eine 10%ige Abweichung bei einer relativ willkürlichen Statistik wie Sprints ist nicht viel. Zur Info: Sprints werden anhand der Geschwindigkeit der Spieler gemessen. Wenn ein Spieler eine bestimmte Geschwindigkeit überschreitet, erhält er einen Sprint gutgeschrieben. Ein halber km/h zu wenig – kein Sprint).

Es ist kein Phänomen, das der Spiegel für sich gepachtet hat. Besonders Fernsehsender Sky ist befallen von der Krankheit, willkürliche Statistiken zu verbreiten. „Die letzten dreizehn Spiele ohne Tor in der 2. Halbzeit“ / „Seit fünf Spielen auswärts ungeschlagen“ / „Nie verloren, wenn Ostern im März ist“ – solche Statistiken sagen wenig aus, weil sie oft völlig willkürliche Zeiträume als Grundlage nehmen. Zeiträume, die rein zufällig genau zur gewünschten Argumentation passen. Was immer wieder dazu führt, dass die ganze Argumentation zusammenbricht, wenn man nur ein oder zwei Spieltage weiter nach vorne bzw. nach hinten schaut.

Deshalb gilt praktisch immer die Regel: Vorsichtig sein bei allen Fußball-Statistiken, die einen Zeitraum von x Spielen angibt. Diese Zahlen verraten meist wenig bis gar nichts über Fußball – sondern nur über denjenigen, der sie verbreitet.

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3 Antworten to “„Seit zehn Spielen unter Flutlicht ungeschlagen“”

  1. Max Says:

    Guter Beitrag, dem ich zustimme. Die Stelle hat mich an dem Artikel auch gestört.

    Aber:
    „Dass ich als Taktiker nicht mit vielen übereinstimme, was im Spiegel-Artikel zur BVB-Krise steht, dürfte in der Natur der Sache liegen.“

    Ist das so logisch? Kann man nicht als „Taktiker“ auch die Sachverhalte beachten und thematisieren, die im Spiegel stehen?

    • t0bstar Says:

      Klar, aber der Spiegel-Artikel fokussiert sich ja komplett auf die Kopf-These, inkl. zweifelhaften Belegen wie dem Sprint-Beispiel. Sicher ist da ein Funken Wahrheit dabei, aber mir fehlt die Ebene jenseits der Kopfsache. Gerade das Sprint-Beispiel würde ich eher auf taktische Probleme zurückführen (tiefe Gegner in den letzten Spielen, weniger Kontermöglichkeiten etc.). Deshalb: Da ich Taktiker bin, fehlt mir die taktische Ebene, weshalb der Artikel nur bedingt was für mich.

      • Max Says:

        Es gibt ja einen Unterschied zwischen „stimme nicht überein“ und „kann ich nichts mit anfangen“. Der Beitrag oben las sich wie „stimme nicht überein“.
        Ich wollte mit meinem Kommentar nur darauf hinaus, dass sich taktische Probleme und Kopfprobleme ja nicht ausschließen; und somit beide Betrachtungsweisen ihr Berechtigung haben.
        Der sachlichen Kritik an der Statistik stimme ich, wie gesagt, zu. Den Artikel fand ich trotzdem Interessant, auch wenn er taktische Aspekte auslässt.

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