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Mein Ranking der deutschen WM-Teilnehmer

29. Oktober 2015

Was macht ein Fußballnerd, wenn ihm langweilig ist? Er schaut sich alte WM-Spiele an. Und was macht ein Fußballnerd, wenn ihm danach immer noch langweilig ist? Er erstellt ein Ranking. Alle deutschen WM-Teilnehmer seit 1954 in einer kompakten Liste:

Platz 16: WM 1982

Zugegeben: Fußballerisch war die WM-Mannschaft 1982 nie so schlecht, wie sie manchmal dargestellt wird. Dagegen sprechen allein schon Namen wie Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner, Felix Magath oder der junge Lothar Matthäus; allesamt Spieler, die mit dem Ball umzugehen wussten. Was diese WM-Mannschaft so grausam macht, ist das völlig verschwendete Talent und ihr purer Zynismus. Die genannten Spieler lassen ihr Talent praktisch nie aufblitzen. Stattdessen spielt Deutschland langsamen, zermürbenden, schlecht anzusehenden Fußball. Und über den Zynismus müssen wir nach der Schande von Gijon und der Attacke von Schumacher nicht reden.

Platz 15: WM 1998

Ich war recht erstaunt, als ich das Viertelfinale 1998 in voller Länge anschaute. Bis dahin hielt ich Berti Vogts Schutzbehauptung, der Schiedsrichter habe Deutschland verpfiffen, für ebendies: eine Schutzbehauptung. Tatsächlich geht aber jede 50:50-Entscheidung zugunsten der Kroaten aus. Wörns rote Karte wegen Notbremse war zumindest diskussionswürdig. Vogts hat sogar Recht, wenn er sagt, dass die Partie gegen Kroatien das beste deutsche Spiel bei dem Turnier war. Schiedsrichter-Leistung hin oder her – wenn ein 0:3 dein bestes Turnierspiel war, kann es kein sonderlich gutes Turnier gewesen sein. Tiefpunkt war Matthäus in seiner Rolle als nicht mehr ganz so frischer Fußballer, der seine Fußballerkarriere auf der Libero-Position verlängerte.

Platz 14: WM 2002

Bis heute ist mir nicht wirklich klar, wofür die deutsche Mannschaft der WM 2002 steht. Dreizehn Jahre später stellt man sich dieselbe Frage wie anno 2002: Wie konnte es dieses Team ins Finale schaffen? Es bleibt ein Mysterium, ein Rätsel. Auf der Proseite hat dieses Team einen klugen Michael Ballack und einen Kahn in Bestform. Auf der Kontraseite steht ein Fußball, der gefangen ist im Nirgendwo zwischen Mann- und Raumdeckung, schnellem Spiel und Ballhalten, Aufrücken und defensiver Sicherheit. Eine Mannschaft ohne Eigenschaften.

Platz 13: WM 1962

Ich weiß nicht, ob ich die deutsche Mannschaft von 1962 so schlecht bewerte, weil sie so schlecht spielte – oder weil der Fußball bei dieser WM allgemein grausam war. Der Fußball steckte zu jener Zeit an der Schneise zur Moderne. Die defensiven Mittel des herannahenden Catenaccios wurden bereits angewandt, das schnelle Kontern jedoch nicht. So entstand eine WM, die im Zeichen von tempoarmen Defensivfußball stand. Deutschland war mittendrin und erzielte 5:2 Tore in vier Partien. Hier kam Herberger seinem Klischee, ein Defensivstratege zu sein, sehr nahe.

Platz 12: WM 1978

Die WM 1978 führte Elemente in die deutsche Nationalmannschaft ein, die für die nächsten 20 Jahre typisch werden sollten. Eine Elf, deren Kern überaltert war, trat in einem System an, für das nach dem Rücktritt Beckenbauers eigentlich ein guter Libero fehlte. Vom offensiven Spiel der Ära Schön war wenig zu spüren. Anders als die kommenden drei WMs endete es jedoch nicht halbwegs versöhnlich, sondern mit einer Schmach. I werd narrisch.

Platz 11: WM 1994

Theoretisch könnte man die deutsche Nationalmannschaft der WM 1994 auch höher bewerten. Sie hätte sogar im Turnier weiter vorstoßen können. Ja, wenn Matthias Sammer fit gewesen wäre. In den Partien mit ihm im Mittelfeld zeigte die deutsche Mannschaft temporeichen Fußball. Allerdings fehlte er im entscheidenden Viertelfinale. Abseits Sammers war es wie in den Turnieren davor: eine Ansammlung eigentlich zu alter Leitfiguren, die zynischen und wenig spektakulären Fußball bot. Nur dass man anders als 1990 kein Glück hatte.

Platz 10: WM 2006

Schockierende Wahrheit I: Ich kann mit dem Sommermärchen-Team wenig anfangen. Nicht dass ich das Sommermärchen nicht mag; die Stimmung, die Lebensfreude, der überraschend starke Fußball. Wobei der Überraschungseffekt eben nur durch die schwachen Leistungen in den Jahren zuvor erklärt werden kann. Es war die beste deutsche WM-Mannschaft seit 16 Jahren, der Fußball war schneller und zielstrebiger. Schaut man es sich jedoch aus heutiger Sicht an, sieht man ein Spiel, das spätestens ab der K.O. Runde gänzlich auf Kompaktheit ausgerichtet war und dem offensiv die Glanzlichter fehlten. Die eigene Defensiv- und Konterstärke war aber nie so groß wie bei den Italienern und den Franzosen. Ein überdurchschnittliches deutsches WM-Team, das alles aus seinem durchschnittlichen Talent herausholte – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Platz 9: WM 1990

Schockierende Wahrheit II: Ich kann mit den WM-Siegern von 1990 wenig anfangen. Ich verstehe bis heute nicht, wieso die Sportfreunde Stiller den Triumph als „verdienten Lohn“ bezeichnen. Jedes K.O.-Spiel hätte genauso gut andersrum ausgehen können, ohne dass sich ein Deutscher hätte beschweren können. Dass Deutschland gewann, lag maßgeblich daran, dass Beckenbauer jegliche offensiven Risikofaktoren nach 1986 über Bord warf. Die Verteidigung gewann diese WM, im Zusammenspiel mit einem Matthäus auf der Höhe seines Schaffens. Die Spiele sind aus heutiger Sicht sehr schwer anzuschauen.

Platz 8: WM 1958

Von der WM-Mannschaft 1958 gibt es am wenigsten Videomaterial. Ausschnitte aus den Gruppenspielen und die Partie gegen Schweden deuten an, dass die Nationalmannschaft dort weitermachte, wo sie 1954 aufhörten: Fritz Walter dirigierte aus dem Mittelfeld, die Stürmer tauschten freudig die Positionen. Auch wenn Rahn mal wieder starke Leistungen zeigte, so fällt doch auf, dass ein Pele oder ein Kurt Hamrin die großen Protagonisten dieses Turniers waren. Deshalb Abzüge in der B-Note für eine saubere Mannschaft.

Platz 7: WM 1986

Franz Beckenbauer hat seine eigene Mannschaft mit so viel Inbrunst beleidigt, dass man noch heute glaubt, das deutsche WM-Team 1986 bestünde aus Altherren-Spielern auf Krückstöcken. Für ihr beschränktes Talent spielte Deutschland ab der K.O.-Runde jedoch auffallend offensiven Fußball. Das Finale war eins der Besten der WM-Geschichte, auch weil Deutschland nicht komplett auf eine eigene Offensive verzichtete wie vier Jahre später. Aus heutiger Sicht sind die deutschen Spiele 1986 unterhaltsamer als jene aus dem WM-Siegerjahr 1990.

Platz 6: WM 1974

Die WM 1974 erlitt in der historischen Wahrnehmung das gleiche Schicksal wie jene 2006. 2006 sehen alle nur die Steigerung zu den Jahren davor. Bei der WM 1974 sehen alle nur den Abfall im Vergleich zur EM 1972. Dabei hatte die zweite deutsche Weltmeisterelf nach der schwachen ersten Gruppenphase einige richtig sehenswerte Spiele gezeigt. Die Auftritte gegen Schweden und Jugoslawien boten kontrollierten, aber dennoch schönen Offensivfußball. Auch das Finale hat Deutschland keineswegs glücklich, sondern durchaus verdient gewonnen, weil Beckenbauer an diesem Tag wesentlich stärker war als Cruyff.

Platz 5: WM 2010

Die 2010er-Elf war das, was die 2006er-Elf gerne sein wollte: eine furiose Kontermaschine. Defensiv stand Deutschland kompakter, presste besser im Mittelfeld als vier Jahre zuvor. Offensiv zeigte Deutschland einige der schönsten Kontertore, die es je bei einer WM zu bestaunen gab. Die Partien gegen England und Argentinien könnte ich mir in Dauerschleife ansehen. Die eigene Beschränktheit im taktischen Ansatz wurde jedoch im Halbfinale deutlich, als man tiki-taka-Maschine Spanien völlig zurecht unterlag. Dennoch: Unterhaltsames WM-Team, tolle Leistungen.

Platz 4: WM 1966

Das Muster der ersten Schön-Jahre war stets dasselbe: Schön war bereits vor dem Turnier angeschossen. Niemand traute seinem Team was zu. Plötzlich zeigte es jedoch tollen Offensivfußball, der den Kritikern die Grundlage raubte. So war es 1972, so war es 1970 – und so war es auch 1966. Das Tandem Triplet Seeler-Beckenbauer-Haller war großartig anzuschauen. Beckenbauer, noch im Mittelfeld unterwegs zu jener Zeit, zeigte seine wohl stärksten Prä-Libero-Leistungen. Das WM-Finale war ein großer, offensiver Spaß. Bis, ja bis zu diesem einen Tor…

Platz 3: WM 2014

Bei der WM 2014 tue ich mir mit der Einordnung schwer. Zu kurz her ist der vierte WM-Triumph, zu frisch die Gefühle. Die Zeit muss zeigen, welchen Platz dieser WM-Triumph einnimmt. Wird das 7:1, das wohl größte Spiel der deutschen Fußballgeschichte, alles überschatten? Oder erinnern sich die Leute auch an die zähen Spiele gegen Algerien, Frankreich und Argentinien? Meine Meinung zum jetzigen Zeitpunkt: Die deutsche Elf von 2014 war die talentierteste, die Deutschland je hatte. Sie begeisterte nicht wie ihr Vorgänger 2010, zeigte aber Fußball auf taktisch allerhöchstem Niveau. Und das eine 7:1 sollte reichen, um in die Ruhmeshalle der Legenden einzugehen.

Platz 2: WM 1970

„In Schönheit sterben“ ist das vielleicht am wenigsten deutsche Motto, was den Fußball angeht. Am Ende zählt der Erfolg. Die deutsche WM-Mannschaft 1970 ist die einzige, die je so richtig in Schönheit starb. Sie ist auch die einzige, die tatsächlich offensiv war – strategisch, taktisch und von den Spielernaturen her. Uwe Seeler, Gerd Müller, Wolfgang Overath, Franz Beckenbauer, Jürgen Grabowski, Stan Libuda – was für Namen, was für ein Angriffsfokus. Bei den Spielen gegen England und Italien kommen alle Fußballfans auf die Kosten: jene, die den schönen Fußball lieben, genauso wie die Freunde von Spannung, Schweiß und Tränen.

Platz 1: WM 1954

Ich muss gestehen, ich bin hier nicht objektiv. Ich liebe das Wunder von Bern. Nicht das grässliche Musical oder den kitschigen Film – nein, die reale Geschichte. Eine Mannschaft aus Amateuren besiegt die großen, mächtigen Ungarn. Natürlich war die deutsche Elf von 1954 nicht so talentiert wie ihre Nachfolger; sie war nicht einmal so talentiert wie ihre Gegner. Doch sie machten viel aus ihrem Talent, mehr als jede andere deutsche Elf es je tat (und damit haben wir auch ein halbwegs objektives Argument, warum sie auf dem ersten Rang stehen). Sie waren nicht nur eine defensive Mannschaft. Die Positionsrochaden in der Offensive waren ihrer Zeit voraus. Fritz Walter dirigierte das Spiel, wie es nie wieder ein deutscher Spielmacher dirigieren sollte. Es passte einfach alles. Ein Wunder.

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