Archive for the ‘Die schönste Nebensache der Welt’ Category

Mein Ranking der deutschen WM-Teilnehmer

29. Oktober 2015

Was macht ein Fußballnerd, wenn ihm langweilig ist? Er schaut sich alte WM-Spiele an. Und was macht ein Fußballnerd, wenn ihm danach immer noch langweilig ist? Er erstellt ein Ranking. Alle deutschen WM-Teilnehmer seit 1954 in einer kompakten Liste:

Platz 16: WM 1982

Zugegeben: Fußballerisch war die WM-Mannschaft 1982 nie so schlecht, wie sie manchmal dargestellt wird. Dagegen sprechen allein schon Namen wie Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner, Felix Magath oder der junge Lothar Matthäus; allesamt Spieler, die mit dem Ball umzugehen wussten. Was diese WM-Mannschaft so grausam macht, ist das völlig verschwendete Talent und ihr purer Zynismus. Die genannten Spieler lassen ihr Talent praktisch nie aufblitzen. Stattdessen spielt Deutschland langsamen, zermürbenden, schlecht anzusehenden Fußball. Und über den Zynismus müssen wir nach der Schande von Gijon und der Attacke von Schumacher nicht reden.

Platz 15: WM 1998

Ich war recht erstaunt, als ich das Viertelfinale 1998 in voller Länge anschaute. Bis dahin hielt ich Berti Vogts Schutzbehauptung, der Schiedsrichter habe Deutschland verpfiffen, für ebendies: eine Schutzbehauptung. Tatsächlich geht aber jede 50:50-Entscheidung zugunsten der Kroaten aus. Wörns rote Karte wegen Notbremse war zumindest diskussionswürdig. Vogts hat sogar Recht, wenn er sagt, dass die Partie gegen Kroatien das beste deutsche Spiel bei dem Turnier war. Schiedsrichter-Leistung hin oder her – wenn ein 0:3 dein bestes Turnierspiel war, kann es kein sonderlich gutes Turnier gewesen sein. Tiefpunkt war Matthäus in seiner Rolle als nicht mehr ganz so frischer Fußballer, der seine Fußballerkarriere auf der Libero-Position verlängerte.

Platz 14: WM 2002

Bis heute ist mir nicht wirklich klar, wofür die deutsche Mannschaft der WM 2002 steht. Dreizehn Jahre später stellt man sich dieselbe Frage wie anno 2002: Wie konnte es dieses Team ins Finale schaffen? Es bleibt ein Mysterium, ein Rätsel. Auf der Proseite hat dieses Team einen klugen Michael Ballack und einen Kahn in Bestform. Auf der Kontraseite steht ein Fußball, der gefangen ist im Nirgendwo zwischen Mann- und Raumdeckung, schnellem Spiel und Ballhalten, Aufrücken und defensiver Sicherheit. Eine Mannschaft ohne Eigenschaften.

Platz 13: WM 1962

Ich weiß nicht, ob ich die deutsche Mannschaft von 1962 so schlecht bewerte, weil sie so schlecht spielte – oder weil der Fußball bei dieser WM allgemein grausam war. Der Fußball steckte zu jener Zeit an der Schneise zur Moderne. Die defensiven Mittel des herannahenden Catenaccios wurden bereits angewandt, das schnelle Kontern jedoch nicht. So entstand eine WM, die im Zeichen von tempoarmen Defensivfußball stand. Deutschland war mittendrin und erzielte 5:2 Tore in vier Partien. Hier kam Herberger seinem Klischee, ein Defensivstratege zu sein, sehr nahe.

Platz 12: WM 1978

Die WM 1978 führte Elemente in die deutsche Nationalmannschaft ein, die für die nächsten 20 Jahre typisch werden sollten. Eine Elf, deren Kern überaltert war, trat in einem System an, für das nach dem Rücktritt Beckenbauers eigentlich ein guter Libero fehlte. Vom offensiven Spiel der Ära Schön war wenig zu spüren. Anders als die kommenden drei WMs endete es jedoch nicht halbwegs versöhnlich, sondern mit einer Schmach. I werd narrisch.

Platz 11: WM 1994

Theoretisch könnte man die deutsche Nationalmannschaft der WM 1994 auch höher bewerten. Sie hätte sogar im Turnier weiter vorstoßen können. Ja, wenn Matthias Sammer fit gewesen wäre. In den Partien mit ihm im Mittelfeld zeigte die deutsche Mannschaft temporeichen Fußball. Allerdings fehlte er im entscheidenden Viertelfinale. Abseits Sammers war es wie in den Turnieren davor: eine Ansammlung eigentlich zu alter Leitfiguren, die zynischen und wenig spektakulären Fußball bot. Nur dass man anders als 1990 kein Glück hatte.

Platz 10: WM 2006

Schockierende Wahrheit I: Ich kann mit dem Sommermärchen-Team wenig anfangen. Nicht dass ich das Sommermärchen nicht mag; die Stimmung, die Lebensfreude, der überraschend starke Fußball. Wobei der Überraschungseffekt eben nur durch die schwachen Leistungen in den Jahren zuvor erklärt werden kann. Es war die beste deutsche WM-Mannschaft seit 16 Jahren, der Fußball war schneller und zielstrebiger. Schaut man es sich jedoch aus heutiger Sicht an, sieht man ein Spiel, das spätestens ab der K.O. Runde gänzlich auf Kompaktheit ausgerichtet war und dem offensiv die Glanzlichter fehlten. Die eigene Defensiv- und Konterstärke war aber nie so groß wie bei den Italienern und den Franzosen. Ein überdurchschnittliches deutsches WM-Team, das alles aus seinem durchschnittlichen Talent herausholte – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Platz 9: WM 1990

Schockierende Wahrheit II: Ich kann mit den WM-Siegern von 1990 wenig anfangen. Ich verstehe bis heute nicht, wieso die Sportfreunde Stiller den Triumph als „verdienten Lohn“ bezeichnen. Jedes K.O.-Spiel hätte genauso gut andersrum ausgehen können, ohne dass sich ein Deutscher hätte beschweren können. Dass Deutschland gewann, lag maßgeblich daran, dass Beckenbauer jegliche offensiven Risikofaktoren nach 1986 über Bord warf. Die Verteidigung gewann diese WM, im Zusammenspiel mit einem Matthäus auf der Höhe seines Schaffens. Die Spiele sind aus heutiger Sicht sehr schwer anzuschauen.

Platz 8: WM 1958

Von der WM-Mannschaft 1958 gibt es am wenigsten Videomaterial. Ausschnitte aus den Gruppenspielen und die Partie gegen Schweden deuten an, dass die Nationalmannschaft dort weitermachte, wo sie 1954 aufhörten: Fritz Walter dirigierte aus dem Mittelfeld, die Stürmer tauschten freudig die Positionen. Auch wenn Rahn mal wieder starke Leistungen zeigte, so fällt doch auf, dass ein Pele oder ein Kurt Hamrin die großen Protagonisten dieses Turniers waren. Deshalb Abzüge in der B-Note für eine saubere Mannschaft.

Platz 7: WM 1986

Franz Beckenbauer hat seine eigene Mannschaft mit so viel Inbrunst beleidigt, dass man noch heute glaubt, das deutsche WM-Team 1986 bestünde aus Altherren-Spielern auf Krückstöcken. Für ihr beschränktes Talent spielte Deutschland ab der K.O.-Runde jedoch auffallend offensiven Fußball. Das Finale war eins der Besten der WM-Geschichte, auch weil Deutschland nicht komplett auf eine eigene Offensive verzichtete wie vier Jahre später. Aus heutiger Sicht sind die deutschen Spiele 1986 unterhaltsamer als jene aus dem WM-Siegerjahr 1990.

Platz 6: WM 1974

Die WM 1974 erlitt in der historischen Wahrnehmung das gleiche Schicksal wie jene 2006. 2006 sehen alle nur die Steigerung zu den Jahren davor. Bei der WM 1974 sehen alle nur den Abfall im Vergleich zur EM 1972. Dabei hatte die zweite deutsche Weltmeisterelf nach der schwachen ersten Gruppenphase einige richtig sehenswerte Spiele gezeigt. Die Auftritte gegen Schweden und Jugoslawien boten kontrollierten, aber dennoch schönen Offensivfußball. Auch das Finale hat Deutschland keineswegs glücklich, sondern durchaus verdient gewonnen, weil Beckenbauer an diesem Tag wesentlich stärker war als Cruyff.

Platz 5: WM 2010

Die 2010er-Elf war das, was die 2006er-Elf gerne sein wollte: eine furiose Kontermaschine. Defensiv stand Deutschland kompakter, presste besser im Mittelfeld als vier Jahre zuvor. Offensiv zeigte Deutschland einige der schönsten Kontertore, die es je bei einer WM zu bestaunen gab. Die Partien gegen England und Argentinien könnte ich mir in Dauerschleife ansehen. Die eigene Beschränktheit im taktischen Ansatz wurde jedoch im Halbfinale deutlich, als man tiki-taka-Maschine Spanien völlig zurecht unterlag. Dennoch: Unterhaltsames WM-Team, tolle Leistungen.

Platz 4: WM 1966

Das Muster der ersten Schön-Jahre war stets dasselbe: Schön war bereits vor dem Turnier angeschossen. Niemand traute seinem Team was zu. Plötzlich zeigte es jedoch tollen Offensivfußball, der den Kritikern die Grundlage raubte. So war es 1972, so war es 1970 – und so war es auch 1966. Das Tandem Triplet Seeler-Beckenbauer-Haller war großartig anzuschauen. Beckenbauer, noch im Mittelfeld unterwegs zu jener Zeit, zeigte seine wohl stärksten Prä-Libero-Leistungen. Das WM-Finale war ein großer, offensiver Spaß. Bis, ja bis zu diesem einen Tor…

Platz 3: WM 2014

Bei der WM 2014 tue ich mir mit der Einordnung schwer. Zu kurz her ist der vierte WM-Triumph, zu frisch die Gefühle. Die Zeit muss zeigen, welchen Platz dieser WM-Triumph einnimmt. Wird das 7:1, das wohl größte Spiel der deutschen Fußballgeschichte, alles überschatten? Oder erinnern sich die Leute auch an die zähen Spiele gegen Algerien, Frankreich und Argentinien? Meine Meinung zum jetzigen Zeitpunkt: Die deutsche Elf von 2014 war die talentierteste, die Deutschland je hatte. Sie begeisterte nicht wie ihr Vorgänger 2010, zeigte aber Fußball auf taktisch allerhöchstem Niveau. Und das eine 7:1 sollte reichen, um in die Ruhmeshalle der Legenden einzugehen.

Platz 2: WM 1970

„In Schönheit sterben“ ist das vielleicht am wenigsten deutsche Motto, was den Fußball angeht. Am Ende zählt der Erfolg. Die deutsche WM-Mannschaft 1970 ist die einzige, die je so richtig in Schönheit starb. Sie ist auch die einzige, die tatsächlich offensiv war – strategisch, taktisch und von den Spielernaturen her. Uwe Seeler, Gerd Müller, Wolfgang Overath, Franz Beckenbauer, Jürgen Grabowski, Stan Libuda – was für Namen, was für ein Angriffsfokus. Bei den Spielen gegen England und Italien kommen alle Fußballfans auf die Kosten: jene, die den schönen Fußball lieben, genauso wie die Freunde von Spannung, Schweiß und Tränen.

Platz 1: WM 1954

Ich muss gestehen, ich bin hier nicht objektiv. Ich liebe das Wunder von Bern. Nicht das grässliche Musical oder den kitschigen Film – nein, die reale Geschichte. Eine Mannschaft aus Amateuren besiegt die großen, mächtigen Ungarn. Natürlich war die deutsche Elf von 1954 nicht so talentiert wie ihre Nachfolger; sie war nicht einmal so talentiert wie ihre Gegner. Doch sie machten viel aus ihrem Talent, mehr als jede andere deutsche Elf es je tat (und damit haben wir auch ein halbwegs objektives Argument, warum sie auf dem ersten Rang stehen). Sie waren nicht nur eine defensive Mannschaft. Die Positionsrochaden in der Offensive waren ihrer Zeit voraus. Fritz Walter dirigierte das Spiel, wie es nie wieder ein deutscher Spielmacher dirigieren sollte. Es passte einfach alles. Ein Wunder.

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15 WM-Thesen, die Abrechnung!

13. Juli 2014

Die WM endet heute Abend. Zeit zur Abrechnung. Wie gut lag ich mit meinen WM-Thesen? Wo lag ich falsch, wo richtig? Die Auswertung der WM-Thesen. Grün markierte Thesen waren korrekt, rot markierte Thesen falsch.

WM-These Nr. 1: Es wird nicht wie 2006, als sieben der acht Viertelfinalisten große Fußballnationen waren. Es wird eine Freak-WM wie 2002.

Eine enge These, die zudem recht offen formuliert wurde. Ich sage: eine WM, bei der Kolumbien, Costa Rica und Belgien im Viertelfinale stehen, eine WM, bei der Titelverteidiger Spanien sowie Italien und England in der Vorrunde rausfliegen – ich denke schon, dass man diese WM als freakig bezeichnen kann. Auch wenn das Halbfinale ausschließlich aus Top-Nationen bestand, aber da gab es ja dieses freakige 7:1…

WM-These Nr. 2: Lahm wird deutscher Schlüsselspieler. Deshalb wäre es besser, ihm im ZM spielen zu lassen, wo ein defensivstarker 6er fehlt.

Die einzige These, die sich noch nicht final bewerten lässt – es kann ja theoretisch noch sein, dass Deutschland das Finale verliert, weil Lahm im Mittelfeld fehlt, oder natürlich andersrum. Da er aber in den wichtigen Viertel- und Halbfinalspielen starker Rechtsverteidiger war, lässt sich bis hierhin sagen: These eher falsch.

WM-These Nr. 3: Die Taktikfreunde werden sich an diese WM als die Rückkehr der Dreierkette auf die ganz große Bühne erinnern.

Absolutes Ja. Auch wenn die Niederlande, Mexiko, Chile und Costa Rica nicht ins Finale stoßen konnten, haben sie doch der Welt gezeigt, dass die Dreier-/Fünferkette längst nicht veraltet ist.

WM-These Nr. 4: Belgien ist gut, aber überhyped. Kommen zu sehr über ihre individuelle Klasse und Physis. Achtelfinale ja, aber nicht mehr.

Auch hier haben wir wieder eine These, die recht schwer zu bewerten ist. Faktisch ist sie falsch – Belgien hat das Viertelfinale erreicht. Allerdings waren die Leistungen alles andere als stark, von einem WM-Favoriten waren sie weit entfernt. Einzig die zweite Halbzeit der regulären und die erste Halbzeit der Verlängerung gegen die USA waren richtig überzeugend. Ansonsten waren die Leistungen meist eher zum Einschläfern und das Team nur in der Schlussphase erfolgreich. Ergo: Faktisch falsch, gefühlt zumindest halbrichtig.

WM-These Nr. 5: Die Afrikaner werden wieder enttäuschen. Taktisch und von der Professionalität hängt der Kontinent leider hinterher.

Ja, mit Algerien und Nigeria schafften es zwei afrikanische Nationen im Achtelfinale. Aber: Wenn der individuell schwächste Vertreter eines Kontinents die mit Abstand beste Leistung abruft (Algerien), läuft irgendwas schief. Schlimmer noch: Ghana und Kamerun zeigten abseits des Platzes ein miserables Bild, die Elfenbeinküste verpasste die einmalige Chance aufs Achtelfinale gegen allenfalls durchschnittliche Griechen. Nein, das Bild der Afrikaner hat sich bei dieser WM wahrlich nicht verbessert, daher eine Zustimmung zur These.

WM-These Nr. 6: Modric macht da weiter, wo er im Klub aufgehört hat. Wird Kroatien zum Überraschungsteam führen und einer der Stars der WM.

Auch hier kann man wieder streiten. Fakt ist aber: Kroatien schied in der Vorrunde aus, Modric zeigte allenfalls durchschnittliche Leistungen. Ergo: falsch.

WM-These Nr. 7, diesmal etwas gewagteres: Chile wird die Gruppenphase überstehen.

Leicht zu bewerten: These war korrekt.

WM-These Nr. 8: Japan ist ein Geheimfavorit, aber hat eine unpassende Gruppe. Wenn sie da rauskommen, werden sie uns verblüffen.

Leicht zu bewerten: These komplett falsch. Die mit Abstand falscheste auf dieser Liste.

WM-These Nr. 9: Das Mexiko der Quali und das Mexiko der WM sind zwei komplett verschiedene Teams. Aber trotzdem wird’s Achtelfinale eng.

Der letzte Satz macht es etwas zwiespaltig. Da Mexiko aber nicht durch die Gruppe spazierte, kann man es gerade noch so als korrekt akzeptieren, hoffe ich. Zumal der erste Satz voll zutrifft: Mexiko zeigte offensiv eine wesentlich stärkere Leistung als in der Quali, war nicht wiederzuerkennen.

WM-These Nr. 10: Das Camp Bahia bereitet mir Sorgen. Trainingslager müssen ruhig gelegen sein, aber auch Ausbrüche ermöglichen. S. 54+90. Nicht nur, dass das WM-Camp nicht ganz fertig ist. Es liegt auch am Ende der Welt, sodass der Malente-Faktor droht.

Die Spieler von heute funktionieren anders als die Spieler von damals. Ein Fehler von mir, von der Vergangenheit auf die Gegenwart zu schließen. Daher: falsch.

WM-These Nr. 11: Portugal kann nicht nur das Auftaktspiel gegen GER gewinnen, sondern auch weit kommen. Defensiv stabil und offensiv Ronaldo

Falsch.

WM-These Nr. 12: Never underestimate Italy. Besonders dann nicht, wenn sie einen der flexibelsten Trainer des Turniers haben #prandelli

Falsch – auch wenn ich dabei bleibe, dass Italien von allen Enttäuschungen bei dieser WM die geringste Enttäuschung war. Gegen Costa Rica haben sich auch andere Teams (Niederlande!!) die Zähne ausgebissen, und gegen Uruguay waren sie erst zu zehnt so richtig unterlegen. Dennoch: Ausscheiden in der Vorrunde bedeutet, dass die These falsch ist.

WM-These Nr. 13: Nicht sonderlich originell, in den letzten Tagen häufig gehört: Niederlande übersteht die Gruppenphase nicht.

Falscher als falsch.

WM-These Nr 14: Der Titel führt über Brasilien. Taktisch nicht spannend, aber hochsolide und im 4-2-3-1 gut auf die Einzelspieler abgestimmt.

Nachdem wir bei Belgien eine These hatten, die faktisch falsch war, sich aber korrekt anfühlte, kommt nun der umgekehrte Fall: Brasiliens Leistungen waren selbst in guten Momenten nur durchschnittlich, das Ausscheiden am Ende blamabel. Aber: Sie sind bis ins Halbfinale gekommen, ergo: Sie waren nicht weit vom Titel entfernt. Ihr System war in der Tat gut auf die Einzelspieler abgestimmt (auch wenn das bedeutete, dass es ohne Neymar und Thiago Silva zusammenbrach). Streicht man das „hoch“ aus „hochsolide“, trifft die These bis zum Halbfinale vollends zu. Um die Flut falscher Thesen zu unterbrechen, werte ich das mal großzügig als korrekt.

WM-These Nr. 15: Wir werden unseren Spaß mit dieser WM haben.

Auch wenn es natürlich sehr subjektiv ist, aber aus meiner Sicht war es die beste WM, die ich bewusst erlebt habe. Sicher, die K.O.-Spiele waren teilweise ein Downer, nachdem das Turnier eine derart tolle Gruppenphase bot. Dennoch: Es bleibt vor allem viel toller Fußball in Erinnerung – so soll ein Turnier sein.

Fazit: 7 von 15.
Experten-Level: Für Markus Lanz sollte es reichen, mehr wird schwierig.

Spanische Verhältnisse sind längst Realität – zumindest in den Klickzahlen

17. April 2013

In den vergangenen Tagen gab es Diskussionen um eine Aussage von Uli Hoeneß. Er ist in Sorge, dass in der Bundesliga langfristig „spanische Verhältnisse“ herrschen könnten. Er bekam viel Widerspruch für diese Behauptung.

Ich möchte einen Punkt in die Diskussion einführen, den ich für extrem wichtig erachte: das übermäßige Interesse der Leser an diesen beiden Klubs. Medienmacher wissen, wovon ich rede: Wer über die Bayern oder die Borussia schreibt, hat die Klicks sicher.

Ich möchte als Beleg die Klickzahlen bei Spielverlagerung heranziehen. Ich habe mithilfe von Google Analytics ausgerechnet, wie viel Klicks ein Verein durchschnittlich pro SV-Analyse bekommt Am Ende habe ich die Klickanzahl nach Relation zum größten Verein, in diesem Fall der BVB, sortiert. Beispiel: Eine HSV-Analyse erreicht durchschnittlich 50% der Klickzahlen einer BVB-Analyse.

klicks pro analyse

Ja, natürlich sind diese Zahlen nicht perfekt. Allein der Sieg gegen Malaga hat den BVB-Schnitt um einiges nach oben getrieben. Selbiges gilt für Renes Guardiola-Bayern-Artikel, der mittlerweile meine Deutschland-gegen-Italien-Analyse als bestgeklickten SV-Artikel aller Zeiten überholt hat (*schnüff*). Es ist aus meiner Sicht trotzdem ein wichtiges Phänomen, das man immer im Hinterkopf behalten sollte: Ein Artikel über die Bayern oder den BVB findet doppelt bis viermal so viel Anklang wie Artikel über andere Bundesliga-Teams.

TV-Berichterstattungsbashing 2.0

18. Juni 2012

In den letzten Wochen haben die Medien Spielverlagerung entdeckt. Ich persönlich bin natürlich sehr froh darüber, dass wir so viel Aufmerksamkeit bekommen. Dies hat den interessanten Nebeneffekt, dass wir während dieser Euro mehr Interviewanfragen beantworten als Spiele anschauen. Anders als der DFB, der laut den Kolleginnen und Kollegen in Danzig gerne mal Interviewanfragen einfach unter den Tisch fallen lässt, beantwortet unser Team alle Mails. Dabei komme ich nicht umhin, selber einige Interviews zu geben und dabei die ein oder andere Frage mehrfach zu beantworten.

Neben „Wie entstand Spielverlagerung?“ und „Wie wird man zum Taktik-Experten?“ (die inflationäre Benutzung des Wortes Experten macht mir im Übrigen Angst) lautet die Klassikerfrage: „Wie hältst du es denn mit der Berichterstattung im Fernsehen?“ Mir fällt die Beantwortung dieser Frage nicht einfach, vor allem weil ich weiß, dass die Interviewer eine medienkritische Antwort erwarten. (Dass sie diese wohl kaum von einem Mitarbeiter einer Internetseite, welche für Eurosport und das ZDF schreibt, bekommen werden, steht wiederum auf einem anderen Blatt Papier.)

Die Antwort fällt mir aber vor allem schwer, weil ich nicht unbedingt der Meinung bin, dass Taktik und intensives Fußballfachwissen unbedingt zu einer EM-Übertragung gehören. In diesem Fall bin ich sogar teilweise bei Erich Laaser, der in einer Studentensendung vor einigen Wochen auf meine Frage, wieso Taktik und Sportpolitik nicht öfters Beachtung finden bei den TV-Übertragungen, antwortete: „Wenn sie Fußball im frei empfangbaren Fernsehen nehmen, sind es meist so genannte Topspiele, sprich Länderspiele, Champions League Spiele, Pokalspiele oder auch mal das erste Spiel einer Saison. Ich glaube, das ist dann der falsche Adressatenkreis, um da tiefschürfende Diskussionen über die Rolle des rechten Verteidigers zu führen. Ich glaube, dass bei sechs, sieben, acht Millionen Zuschauern… die das nicht verstehen würden.“

In der Tat, wenn wie gestern Abend 27 Millionen vor dem Fernseher und weitere X Millionen auf der Fanmeile und in Kneipen die Deutschland-Spiele sehen, finde ich es nicht unbedingt falsch, wenn die Sender und Kommentatoren höchstens an der Oberfläche kratzen. Das hat mit Fußball zwar oft wenig am Hut, für rund 90% der Zuschauer gilt allerdings dasselbe.

Allerdings hat Laasers Theorie einen kleinen Haken: Pro Saison gibt es, selbst im frei empfangbaren Fernsehen, nicht mal ein Dutzend Spiele, die diese Zuschauermarke überspringen (Großereignisse wie EMs und WMs ausgeklammert). Das trifft maximal auf Länderspiele, Partien mit Bayern-Beteiligung oder Champions League Spielen gegen die Großen dieser Welt zu. Alles andere, was im TV läuft, sei es die Copa America, die Europa League oder auch Frauenfußball, wird nur von den Leuten gesehen, die entweder Fan der betreffenden Mannschaften oder komplett fußballverrückt sind.

Mein größtes Problem mit der Berichterstattung ist dabei, dass sie – egal, wer gerade spielt – stets gleich abläuft. Nachdem die Europa League wegen mangelnder Quote von Sat 1 auf Kabel 1 abgeschoben wurde, war die Reaktion nicht ein Mehr an kompetenter Berichterstattung für die paar Millionen Zuschauer, welche sich größtenteils aus Hannover und Schalke Fans speisten, stattdessen wurde eine ins Detail gehende Vorberichterstattung komplett von der Agenda gestrichen.

Aus demselben Grund ärgert mich ein schwacher Kommentar beim Spiel Niederlande gegen Portugal mehr als ein Phrasendrescher bei einem Deutschlandspiel. Am gestrigen Abend kommentierte Gerd Gottlob die Parallelpartie in Gruppe B mit derselben Herangehensweise wie alle seine anderen Partien, inklusive der einsteigerfreundlichen Vorstellungen der Spieler und Allgemeinplätzen wie „Jetzt haben die Niederländer den Faden verloren“. Doch für welche Zuschauerschaft? Wer an diesem Abend nicht das Deutschland-Spiel schaute, war entweder Portugiese, Niederländer oder aus anderen Gründen mit den beiden Mannschaften verbunden. Da muss niemand mehr erklären, wer van der Vaart ist – stattdessen wäre eine Erläuterung, was die taktischen Vor- und Nachteile seiner Aufstellung sind, wohl in wesentlich größerem Interesse der paar Tausend Zuschauer gewesen.

Mich stört diese völlige Ignoranz gegenüber der angepeilten Zielgruppe bei den TV-Machern – wie auch bei den Fans übrigens. Dass wir mit folkloristischer Pünktlichkeit zur EM eine Debatte führen müssen, wie furchtbar inkompetent doch alle Kommentatoren seien, finde ich höchste befremdlich, immerhin kommentieren sie für zig Millionen Menschen, die von Fußball nix verstehen. Der klassische Fan, der im Jahr 50+ Spiele schaut, ist zur EM in einer klaren Minderheit, die Event-Fans dominieren – und finden die oberflächliche Berichterstattung, so mein subjektiver Eindruck aus dem Freundes- und Familienkreis, meist gar nicht so schlimm. Natürlich wäre ich persönlich glücklicher, wenn ARD und ZDF sich trauen würden, den „Event-Fans“ Fußball zu erklären. Andererseits bin ich nicht marktblind und weiß genau, dass im Zweifel ein neuer Publikumsrekord bessere PR ist als die Gewissheit, ein paar Leute weitergebildet zu haben.

Und so werde ich mich auch in der nächsten Saison wieder aufregen, wenn die TV-Sender stets dieselbe Strategie fahren, egal ob gerade ein Champions League Finale oder ein Spiel aus Südamerika übertragen wird. Aus meiner Sicht ist dies ein größerer Kritikpunkt als das ewige EM-Kommentatoren-um-die-Wette-beleidigen.

Analyse: FC Barcelona – Bayer Leverkusen 7:1

8. März 2012

Bayer Leverkusens 7:1-Niederlage in Barcelona zeigt, wie es um den deutschen Fußball bestellt ist. Es muss dringend etwas passieren.

Der deutsche Fußball ist am Boden. Trainer Dutt muss sich nach diesem Spiel einige Fragen gefallen lassen. Die Art und Weise, in der Leverkusen das deutsche Volk auf internationalem Boden vertrat, war einem Tabellenfünften der altehrwürdigen Fußballbundesliga nicht würdig.

Von der ersten Minute an fehlte dem Team ein echter Leader auf dem Platz. Dutts erneute Weigerung, den erfahrenen Michael Ballack zu bringen, war ein Schlag ins Gesicht der mitgereisten Fans. An welchem Spieler sollte sich die Mannschaft nach dem 0:2-Rückstand aufrichten? Es fehlte ein Spielertyp, der mal ein Zeichen setzt. Eine richtige Grätsche zur rechten Zeit hätte den Schönspielern um Mimose Messi Einhalt geboten. Die braven Bayer-Boys liefen aber nur hinterher.

Überhaupt war die Einstellung der Mannschaft fragwürdig. Wieso nahmen die Leverkusener die Zweikämpfe nicht an? Auch um die Laufbereitschaft war es nicht gut gestellt. Eine Statistik zu zitieren wäre hier müßig: Jeder Zuschauer konnte sehen, dass die Mannschaft einfach nicht wollte.

Zugegeben, die Aufstellung eines zweiten Stürmers war ein mutiger Schritt von Dutt. Doch wieso mussten Kießling und Derdiyok andauernd gegen den Ball arbeiten? Sicher, der FC Barcelona ist ein guter Gegner, aber jeder Gegner ist schlagbar, wenn man nur genug an sich glaubt und vorne ein wenig Feuerwerk abzündet!

Doch dem deutschen Fußball mangelt es im Moment an Glauben. Der Glaube an die eigene Stärke. So wird es nichts mit der Champions League und auch nicht mit der Europameisterschaft. Solange wir nicht Siegertypen produzieren, haben wir auf lange Sicht keine Chance.

Mein neuer Service: Heute schon lesen, was morgen in der Zeitung steht! Meine richtige Analyse folgt morgen früh auf Spielverlagerung.de.

Saison Prognose 2011/2012

4. August 2011

Saison-Prognosen aller Orten – da will auch ich nicht fehlen! Mein vollkommen subjektiver Blick auf die kommende Saison.

Borussia Dortmund

Auch wenn viele diese Saison auf die Bayern setzen, ich sehe den BVB leicht vorne. Die Leistungen in der Vorbereitung knüpften da an, wo man letzte Saison aufgehört hat. Da der Kern der Mannschaft zusammengeblieben ist, funktioniert Klopps System weiterhin tadellos: Viel Laufbereitschaft, Pressing auf dem ganzen Platz, variables Offensivspiel. Sahin ist zwar gegangen, doch bereits in der Rückrunde der letzten Saison deutete der BVB an, dass sie auch ohne ihn stark sind. Zusammengerechnet mit den guten Neuzugängen Gündogan, Perisic und Löwe scheint der BVB das Potenzial zu haben, die Meisterschaft zu verteidigen.
Prognose: Sie verteidigen den Titel. Platz 1

Bayer Leverkusen

Wenn Bayer Leverkusen tatsächlich das hält, was die erste Halbzeit in Dresden versprach, dann sind sie heißer Kandidat für den tollsten Fußball. Was das Mittelfeld an Rochaden anbot, war größtes Kino. Auf der anderen Seite steht jedoch eine Abwehr, die ihren Namen noch nicht verdient hat. Zumal neue Trainer mit einem derart komplexen taktischen Konzept ein bis zwei Jahre Einarbeitungszeit brauchen, um den Kader ihren taktischen Ideen anzupassen (siehe Klopp beim BVB, der auch die komplette Mannschaft ersetzte, bis er Erfolg hatte). Dutt enttäuschte bisher in der ersten Saison bei neuen Trainerstationen nie, schaffte jedoch auch noch nicht den großen Sprung.
Prognose: Dutts Premierensaison ist spektakulär und endet solide auf Platz 4

Bayern München

Eigentlich ist alles angerichtet für eine erfolgreiche Saison: Eine Mannschaft, die punktuell verstärkt wurde. Eine Abwehr, die nach den Neuzugängen von Rafinha und Boateng endlich funktionieren könnte. Ein Trainer, der keinen Radikalumschlag möchte, sondern ruhig mit Mannschaft und – ganz wichtig – Vorstand arbeiten kann. Und trotzdem bleibt beim FC Bayern ein kleines Fragezeichen. Wird Heynckes taktisch an das ballbesitzorientierte Spiel von Louis van Gaal anknüpfen? Wird er ähnliche Ruhe ins Aufbauspiel bringen, wie er es bei Bayer Leverkusen tat? Und wie reagiert das nervöse Umfeld auf zu erwartende Rückschläge? Solange all diese Fragen nicht endgültig beantwortet sind, kann ich an dieser Stelle nur Platz 2-3 prognostizieren.
Prognose: Aktuell sieht es nicht nach Meister aus. Platz 2-3

Hannover 96

Keine Abgänge, ein beruhigtes Arbeitsklima, Euphorie im Umfeld – klingt danach, als ob Hannover 96 erneut eher nach oben als nach unten schielen darf. Mit erhöhtem Anspruch und Budget kommen allerdings neue taktische Probleme: Nachdem man letzte Saison abwartend agierte und mit Mittelfeldpressing und wenig Raum zwischen den Viererketten erfolgreich Gegner um Gegner überrumpeln konnte, ist man nun im Spiel gegen viele Bundesligisten in der Favoritenrolle. Wenn ihnen der Gegner den Ball gibt und selber tief steht, haben sie ihre Mühe, das Spiel zu machen. Dieses Problem wird dem amtierenden Vierten diese Saison sicher öfters passieren. Slomka hat an diesem Problem gearbeitet, wie die von mir gesehenen Spiele in der Vorbereitung zeigten – allerdings sind hier noch zu viele Fragezeichen, als dass ich eine erneute Überraschung prognostizieren könnte.
Prognose: Hannover schielt eher nach unten. Platz 12-15

FSV Mainz 05

Nach dem, was ich in der Vorbereitung sehen durfte (man muss eher sagen „musste“), dürfte Mainz ein Abstiegskandidat sein. Die Defensive ist ordentlich, aber nicht überragend. In der Offensive klappt jedoch gar nix. Das 4-3-1-2 System der letzten Saison, mit dem Tuchel immer noch kokettiert, stößt an seine Grenzen, wenn im offensiven Zentrum und auf den Flügeln niemand ist, der die Position füllen kann. Dennoch vertraue ich darauf, dass Tuchel nach schwierigen Anfangswochen das Ruder rumreißt. Das Potenzial im Kader ist da.
Prognose: Nach schlechtem Start reißen sie das Ruder rum. Platz 16.

1. FC Nürnberg

Die Vorbereitung verspricht Gutes: Ein Sieg gegen Ajax Amsterdam, eine souveräne Pokalleistung und Neuzugänge, die sich gut einfügen. Trotz der vielen Abgänge muss man sich keine Sorgen um Nürnberg zu machen. Schon die letzten Jahre zeichnete sie ein gutes Scouting aus. Pekhart und Feulner versprechen viel. Wenn Heckings Team diese Saison das Feld ähnlich eng macht wie letzte Saison und defensiv weiter gut steht, landen sie im Niemandsland der Tabelle. Für sie sicher ein großer Erfolg.
Prognose: Mit dem Abstieg haben sie nichts zu tun. Platz 7-11

1. FC K’lautern

Bitte in den Text über Nürnberg „Kaiserslautern“ einfügen und die Neuzugänge durch Vermouth und Schechter ersetzen. Zusätzlich sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass genau wie in Nürnberg das eher defensive Konzept auch nach hinten losgehen kann: Sobald die schnellen Gegenstöße und die auf wenige offensive Kreativposten ausgelegte Strategie nicht mehr aufgeht, kann es beiden Teams wie Eintracht Frankfurt letzte Saison ergehen. Die Lauterer wollen es nicht hoffen.
Prognose: Nürnberg ist das Vorbild. Platz 7-11.

Hamburger SV

Das große Fragezeichen der Liga. Der HSV steht vor dem größten Umbruch seiner Geschichte. Es ist nicht absehbar, wie es ausgeht. Die Fraktion der Spieler, die neu von Chelsea kamen, haben zwiespältige Leistungen gebracht: Töre überzeugte in der Vorbereitung, Mancienne so lala, Bruma eher Bankkandidat. Wenn alles perfekt läuft und Wunderkind Son unverletzt bleibt, reicht es für die erste Tabellenhälfte.
Prognose: Eine Saison im Umbruch. Platz 7-11.

SC Freiburg

Ebenfalls eine Wundertüte. Dutt hat es geschafft, Freiburg attraktiv und erfolgreich spielen zu lassen. Sorg muss jetzt beweisen, dass der Erfolg nicht nur der Taktik seines Vorgängers geschuldet war. Die Vorbereitung offenbarte, dass man noch immer recht abhängig von Cisse ist. Sollte dieser nun ein Formtief habe oder – Gott behüte – gar transferiert werden, sieht es ganz schlecht aus für Freiburg. Zumal das Pokalaus in dieser Hinsicht nichts Gutes verheißt.
Prognose: Klassenerhalt wird nicht geschafft. Platz 17-18.

1. FC Köln

Nachdem die bisherigen Tipps alle relativ konservativ ausfielen, werde ich nun das erste Ausrufezeichen setzen: Köln ist meiner Meinung nach ein Kandidat für die große Überraschung. Solbakken hat in Kopenhagen gezeigt, dass er mit wenig Geld viel erreichen kann. Nun wird in Köln (endlich) Angriffspressing eingeführt. Moderne Trainingsmethoden und eine Trainer-Manager-Kombination, die nicht auf Populismus zugunsten des Boulevards sondern auf langfristige Arbeit setzen, könnte der FC zu einer Überraschungsmannschaft der Saison werden lassen. Oder die Podolski/Express-Kombo macht in den ersten Wochen so viel Stunk, dass es doch gegen den Abstieg geht…
Prognose: Das neue Mainz. Platz 5 oder 6.

1899 Hoffenheim

Stanislawski und Hoffenheim, das fühlt sich immer noch an wie der berühmte Fisch mit dem Fahrrad. Er übernimmt einen Verein, dessen Fußball von der F-Jugend bis zum Altherrenteam geprägt ist von der Spielidee von Ralf Rangnick. Das ist ein schweres Erbe, zumal ich Stanislawski nicht zu den besten Taktikern der Liga zähle. Offensiv kann er sicher was, doch er muss zeigen, dass er mit einem derart ambivalenten Kader umgehen kann. Das wird ein hartes Stück Arbeit.
Prognose: Die Hinrunde wird verhauen. Nachdem Stanislawski hinwirft, rafft sich Hoffenheim auf und spielt eine gute Rückrunde. Platz 12-15.

VfB Stuttgart

Eigentlich bin ich geneigt, aufgrund der klasse Rückrunde und der soliden Vorbereitung dem VfB einen Europapokalplatz in Aussicht zu stellen. Labbadia ist ein solider Taktiker, der Kader gut besetzt. Doch der berühmt-berüchtigte Hinrundenfluch liegt wie ein Damoklesschwert über dem Team. Werden die Stuttgarter die erste gute Hinrunde seit Jahren spielen? Sollte dies nicht der Fall sein, liegt der Trainerrauswurf in der Luft: Labbadia ist kein Motivator, hat nicht die taktische Flexibilität für neue Ideen mitten in der Saison. Wenn jedoch die erste Saisonhälfte auf einem einstelligen Tabellenplatz überstanden wird, könnten sie ganz oben angreifen.
Prognose: Stuttgart besiegt den Fluch. Platz 5-6.

Werder Bremen

Mein subjektives Gefühl sagt mir, dass diese Saison nicht gut ausgehen wird. Thomas Schaaf macht seit Jahren die gleichen taktischen Fehler, zumal zuletzt viele Fehleinkäufe getätigt wurden. Doch die Transfers stimmen mich milde. Wenn der alte Herr es schafft, Ekici, Sokrates und Co. in ein Offensivkonzept zu stecken, dass die zu erwartende Defensivschwäche kompensiert, wird Werder Bremen mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Und das wäre aus meiner Sicht bereits ein Erfolg.
Prognose: Werder Bremen dümpelt im Mittelfeld. Platz 7-11

Schalke 04

Schalke ist eine weitere Wundertüte. Ralf Rangnick ist ein sehr kompetenter Trainer, der mit einer Mannschaft schön und erfolgreich spielen kann. Das hat er häufig bewiesen, und ich denke, das wird er auch diese Saison wieder beweisen. Der Zeitgeist bevorzugt aktuell schnell umschaltende Teams – etwas, das er beherrscht. Da die Baustellen auf den Außenverteidigerpositionen geschlossen scheinen, steht einer überraschend erfolgreichen Saison wenig im Wege.
Prognose: Schalke greift wieder an. Platz 2-3.

VfL Wolfsburg

Felix Magath is back, und mit ihm pumpt VW viele Millionen in das Team. Trotz der Transfers von Träsch, Lakic und der halben Abwehr von Eintracht Frankfurt halte ich nicht viel von den Niedersachsen. Magath behandelt die Außenpositionen stiefmütterlich. Überhaupt ist das offensive Mittelfeld eine einzige Baustelle im Spiel der Wolfsburger. Deshalb werden sie in dieser Saison niemanden überraschen.
Prognose: Eine Saison im unteren Tabellendrittel. Platz 12-15.

Mönchengladbach

Auch hier fällt die Prognose recht schwer. Lucien Favre hat unter Beweis gestellt, dass er die Defensive eines vom Abstieg bedrohten Teams in kürzester Zeit stabilisieren kann. Schon in Berlin konnte er so mit seinem modernen Catenaccio zeitweise um die Meisterschaft mitspielen. Schwächen offenbarte er dort in der darauffolgenden Saison im Bereich der Kaderplanung (wobei ungeklärt ist, ob es tatsächlich sein Unvermögen war). Auch seine Einkäufe zur neuen Saison sind keine Big Names. Gladbach ist daher sehr kaum ausrechenbar. Defensiv hui, offensiv pfui – viel wird auch davon abhängen, in welche Richtung der Trend der Bundesliga geht.
Prognose: Die letzten Jahre waren defensive Teams bevorteilt. Daher reicht es zu Platz 7-11.

Hertha BSC

Die Berliner haben sich vor allem dank ihrer soliden Offensive den Aufstieg gesichert. Defensiv waren sie nicht schlecht, allerdings waren sie auswärts in diesem Bereich anfällig. Die Erfahrung zeigt, dass defensiv starke Teams aus der zweiten Liga nach dem Aufstieg weniger Probleme haben als Teams, die durch ihre Offensivleistung in die erste Liga kamen – siehe der Vergleich Lautern / Pauli letzte Saison. Da der Kader von Hertha BSC Berlin aber breit gefächert ist und Babbel weiß, was er tut, werden sie nach schwierigen Anfangswochen den Klassenerhalt eintüten.
Prognose: Nichtabstieg. Platz 12-15

FC Augsburg

Der FC Augsburg ist bei jeder Bundesligaprognose Abstiegsfavorit Nummer eins – allein deshalb werden sie wahrscheinlich nicht absteigen. Ich schwimme einfach mal mit dem Strom und sage, dass die Systemänderung von 4-4-2 auf 4-2-3-1 erst zu spät fruchten wird, als dass der Klassenerhalt geschafft werden kann.
Prognose: Direkter Wiederabstieg. Platz 17-18

Die eisige Beziehung zwischen Uli Hoeneß und Louis van Gaal.

3. Februar 2011

Seit Wochen macht der FC Bayern seinem Spitznamen FC Hollywood alle Ehre: Uli Hoeneß und Louis van Gaal liefern sich einen öffentlichen Schlagabtausch. Experten und Fans betrachten die Diskussion zumeist einseitig: Entweder van Gaal ist der gefühlskalte Trainer und Hoeneß der Bewahrer des FCB, oder van Gaal der Retter des guten Fußballs und Hoeneß der integrante Machtpolitiker, der seinen Einfluss auf den FC Bayern gefährdet sieht. Die Wahrheit, wie die Beziehung zwischen van Gaal und Uli Hoeneß zu bewerten ist, liegt dazwischen.

„Ich glaub nicht, dass sie einen Spieler finden werden, der etwas gegen Uli Hoeneß hat.“, sagte einst Mehmet Scholl über den Bayern-Manager Uli Hoeneß. In der Tat genießt dieser ein sehr hohes Ansehen bei aktuellen und ehemaligen Bayern-Akteuren. Abseits der Öffentlichkeit lassen sich zahlreiche positive Beispiele finden, die von Hoeneß Menschlichkeit zeugen: Als Lars Lunde 1987 bei einem Autounfall sportinvalide wird, sorgt Hoeneß dafür, dass dieser noch mehrere Jahre Gehalt vom FC Bayern beziehen kann. Ähnliches passierte im Falle Sebastian Deisler. Wer einmal beim FC Bayern erfolgreich gespielt hat, konnte auf die Hilfe von Uli Hoeneß setzen. Jahrzehntelang bezog der FC Bayern beispielsweise sein Briefpapier von Georg Schwarzenbeck, was diesen finanziell absicherte.

Dabei muss man nicht mal die Meinung vertreten, Uli Hoeneß tue das alles aus reiner Menschenliebe. Hinter seinen Taten steht die Philosophie, dass Fußballvereine nur erfolgreich sein können, wenn die Spieler sich voll mit ihrem Verein identifizieren können. Nach außen baut er ein Feindbild FC Bayern auf, um herauszustechen aus der Fußballwelt Deutschlands – nach innen tut er alles, damit die Spieler sich wohlfühlen. Hier lassen sich eindeutig Parallelen zur Öffentlichkeitsarbeit von Jose Mourinho erkennen.

Hier liegt das erste Problem in der Hoeneß – van Gaal Beziehung: Genau diese Art von Behandlung von Fußballspielern ist letzterem ein Dorn im Auge. In seiner Biographie macht er keinen Hehl daraus, dass er wenig von der bei Bayern gängigen Praxis hält, dass Spieler sich bei Vereinsoffiziellen ausheulen können. Für ihn ist eine Fußballmannschaft eine Fußballmannschaft – nicht mehr, nicht weniger. Für private Dinge sind die Spieler selber und der für solche Fragen ausgebildete Mannschaftspsychologe zuständig. Dass van Gaal nicht gerade für Feingefühl bekannt ist, war bereits vor seiner Zeit bei Bayern bekannt. Robert Enke musste sich bei seiner Ankunft in Barcelona vom damaligen Trainer van Gaal als erstes anhören, dass nicht er, sondern die Vereinsoberen ihn haben wollten. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die Gespräche mit Mario Gomez oder Antoliy Tymoshchuk nicht anders aussahen. Spieler zu finden, die schlecht über van Gaal reden, ist wahrlich keine große Kunst – jeder von ihm aussortierte Spieler kann zig Geschichten über den dominanten Holländer erzählen, von Giovanni über Lucio bis Luca Toni.

Für van Gaal steht nie der Mensch, sondern immer der Fußball im Vordergrund. Dies wird ihm oft als seine größte Schwäche ausgelegt, ist aber nebenbei auch seine große Stärke: Im Gegensatz zu Uli Hoeneß hat er eine genaue Vorstellung davon, was schöner Fußball ist. Für van Gaal ist das höchste Ziel des Fußballspielens nicht Erfolg, sondern die „Schönheit des Seins“. In Interviews macht er keinen Hehl daraus, dass eine „schöne Niederlage“ besser ist als ein „dreckiger Sieg“.

Sowohl Uli Hoeneß als auch Louis van Gaal wollen über den Weg des Fußballs unsterblich werden. Wo Uli Hoeneß jedoch Erfolg über Titel definiert, tut Louis van Gaal dies über dominanten und spielerisch aufregenden Offensivfußball. Er möchte, dass sich die Fans noch in zig Jahren an das schöne Spiel erinnern, das er mit seiner Mannschaft auf dem Platz verwirklichte. Genau aus diesem Grund hat er ein sehr hohes Standing bei den Bayern-Fans: Diese waren nach den Jahren unter Hitzfeld und Magath satt von den pragmatischem Erfolgstrainern, die ihre Taktik opportunistisch dem Erfolg unterordneten. Sie wollten in der Allianz Arena nicht nur die erfolgreichste, sondern auch die beste Mannschaft Deutschlands sehen, und genau das hat ihnen van Gaal in der Vorsaison geboten.

Hier konnte Uli Hoeneß noch verhältnismäßig ruhig bleiben, weil sein großes Ziel, Titel um jeden Preis, erreicht wurde. Sobald der Erfolg allerdings nicht mehr gegeben scheint, wurde er ungemütlicher. „Wer den Trainer wie ich in Barcelona erlebt hat, ist jetzt auch nicht überrascht, dass Uli Hoeneß in München mit van Gaals Umgangsformen wenig anfangen kann.“, weiß Journalist und Enke-Biograph Ronald Reng. Da ist es Uli Hoeneß auch egal, dass die Bayern im Gegensatz zu früher eine klare Strategie verfolgen, die auf dem Aufbau junger Spieler statt auf dem kurzfristigen Einkauf von Stars beruht. Er sieht „sein Modell FC Bayern“ mit all seinem Erfolg und all seiner Menschlichkeit in Gefahr.

Am Wochenende konterte van Gaal erneut die Kritik von Hoeneß. „Mein Vorstand unterstützt mich, meine Spieler unterstützen mich, mein Stab unterstützt mich. Ich denke, dass ich mich sehr wohl fühle beim FC Bayern. Aber mein Präsident hat Kritik geäußert. Okay, das ist so. Wenn eine Person das macht…“ Freunde werden die beiden in diesem Leben nicht mehr.

Das Märchen vom sauberen Fußball

13. Juli 2010

Der frisch gebackene Fußballweltmeister Andres Iniesta und der Radrennfahrer Andy Schleck scheinen zunächst einmal nicht viel miteinander zu tun haben – der eine ist ein kleingewachsener Spanier, der andere ein durchschnittlich großer Luxemburger. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch sehr viele Gemeinsamkeiten: Beide sind Ausnahmeathlethen ihrer Zunft. Beide haben am Wochenende den größten Triumph ihrer Karriere gefeiert, Iniesta mit seinem Tor im WM-Finale, Andy Schleck mit einem Tour de France-Etappensieg. Und beide haben schon einmal für Mannschaften gearbeitet, die dem überführten Dopingarzt Eufemiano Fuentes Vermutungen zufolge ziemlich nahe standen – Schleck für CSC, Iniesta für den FC Barcelona.

Das mag bei einem erfolgreichen Radsportler in diesen Zeiten niemanden mehr verwundern, denn der Radsport ist nach öffentlicher Meinung „total verseucht“. Wenn man allerdings so etwas über einen Fußballer hört, stutzt man erst einmal: Iniesta? FC Barcelona? Doping? Nein, das kann nicht sein, Fußball ist doch der saubere Sport schlechthin!

Der Fußball hat es geschafft, in der breiten Öffentlichkeit ein sauberes Image zu behalten, obwohl es viele Indizien gibt, dass auch im Fußball auf breiter Basis Doping getrieben wird. Auch wenn von Funktionärsseite oft behauptet wird, dass sich Doping in einem so komplexen Mannschaftssport nicht lohnt, da die medikamentöse Verbesserung der Athletik und Ausdauerfähigkeit im Fußball nichts bringen würde, gibt es aus der Vergangenheit genug nachgewiesene Dopingfälle. Schon bei der WM 1954 gab es Mutmaßungen, dass Doping beim „Wunder von Bern“ eine zentrale Rolle gespielt habe. Damals haben sich die deutschen Spieler in der Halbzeit Spritzen gesetzt, wie der ungarische Kapitän Ferenc Puskas nach dem Spiel behauptete. Die DFB-Elf stritt dies niemals ab, man behauptet jedoch bis heute steif und fest, dass es sich nur um ganz legale Traubenzuckerinjektionen handelte. Eine Behauptung, an der laut anerkannten Sportwissenschaftlern zumindest Zweifel herrschen. Vermutungen zufolge haben sich die Deutschen einen Vorteil durch Einnahme des Aufputschmittels Pervetin geschaffen, das vor allem im zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, damit sich die Kriegspiloten besser konzentrieren konnten.

Auch der großen Ajax-Mannschaft der 70er Jahre, auf die in diesem Blog bereits näher eingegangen wurde, wird Doping nachgesagt. Die Holländer konnten mit ihrer neuen Spielweise plötzlich wesentlich größere Laufwege durchführen als ihre Gegner, was viele Zweifler auf den Plan rief. Ein Masseur der damaligen Zeit, Salo Müller, enthüllte in seiner Autobiographie 2006 flächendeckendes Doping bei Ajax in jenen Jahren. Übrigens: Die erste Mannschaft, die ein ähnliches Spiel wie die Holländer aufziehen konnte, war selber höchstwahrscheinlich gedopt: Dynamo Kiew war zu dieser Zeit Teil des sowjetischen Staatsplan Doping. Auch für die DDR-Auswahl jener Jahre ist Doping über Stasi-Akten nachweisbar.

Eine weitere große Mannschaft der Fußballgeschichte, die nachträglich des Dopings überführt wurde, hat vor noch nicht allzu langer Zeit gewirkt: Juventus Turin erreichte von 1996 bis 1998 immer das Champions League-Finale, und das nicht nur mit gutem Fußball. Ein Gericht hat bestätigt, dass zu jener Zeit das populäre Mittel EPO von den Spielern eingenommen wurde – ein Mittel, das sonst eher im Zusammenhang mit Radsportlern genannt wird.

Die Dopinggeschichten ließen sich beliebig weiter fortführen: Von Franz Beckenbauer, der Blutdoping in den 70ern offen zugab, über die Einnahme des Aufputschmittel Capagon in der Bundesliga in den 80ern bis hin zum Fuentes-Skandal unserer Tage. Fuentes wird zwar oft nur mit Doping im Radsport in Verbindung gebracht, es gibt aber auch Indizien, dass er im Fußball aktiv war: Die französische Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte schon vor mehreren Jahren einen Bericht, in dem Fuentes angeblich behauptet, dass auch Real Madrid und der FC Barcelona zu seinen Kunden zählten – und damit auch fast die komplette aktuelle Weltmeistermannschaft aus Spanien. Beide Vereine klagten erfolgreich dagegen, was die Aussagen der „Le Monde“ jedoch nicht weniger glaubwürdig macht. Denn viele Kritiker befürchten, dass im Fuentesfall nicht allen Spuren glaubwürdig bis zum Ende nachgegangen wurde, gerade im Fußball, der ein spanisches Nationalheiligtum darstellt. Besonders ein Interview mit Stéphane Mandard, dem Chef der Sportredaktion der „Le Monde“, ist in diesem Zusammenhang höchst interessant.

Die anhaltenden Beteuerungen, dass es im Fußball kein Doping gibt, scheint wenig nachvollziehbar. Schaut man sich die Leistungen an, die die Sportler heute erreichen, wirkt Doping im Spitzensport logisch: Das Laufpensum hat sich in den letzten 30 Jahren pro Spiel mehr als verdoppelt, die Anzahl der Spiele hat sich auch erhöht. Spitzenfußballer haben heutzutage zehn Monate am Stück zwei Spiele pro Woche, in denen sie über 10 km zurücklegen, knapp zwanzig Prozent davon im Sprint. Wenn schon weit weniger eindrucksvolle Leistungen in den 70ern nur unter Doping erreicht werden konnten, scheint es unglaubwürdig, dass man nur aufgrund neuer Methoden in der Trainingslehre heutzutage weitaus bessere Leistungen erbringen kann. Zumindest Doping im regenerativen Bereich ist bei den unphysiologisch geringen Verletzungszeiten mehr als wahrscheinlich. Solche Dinge muss man auch im Hinterkopf behalten, wenn man sich die Leistungen anschaut, die manche Spieler und Nationen bei einer Fußballweltmeisterschaft abliefern.

Aber der Fußball wird weiter sein sauberes Image behalten, und niemand hat ein Interesse daran, einen Skandal hochzubeschwören, gerade in Zeiten, in denen Rekordwerbesummen verdient werden und in denen Anders Iniestas Tor am Wochenende weltweit Rekordquoten im Fernsehen einheimste. Wohin ein Dopingskandal nämlich führen kann, hat jüngst der Radsport gezeigt: Das Interesse am Sieg Andy Schlecks am Sonntag hätte kaum geringer sein können…

Vom totalen Fußball zum totalen Opportunismus

10. Juli 2010

Am Sonntag wissen wir, wer der neue Fußballweltmeister wird, eins ist jedoch jetzt schon sicher: Der Sieger des Finales wird seinen ersten Weltmeistertitel erringen. Obwohl beide Mannschaften bei Weltmeisterschaften der letzte Erfolg bisher vergönnt war, würde kaum jemand bezweifeln, dass im Endspiel zwei Fußballgiganten aufeinander treffen. Gerade Holland hat sich in den letzten Jahrzehnten mit seinem charakteristischen Kombinationsfußball mit Hang zur leichten Arroganz in der Weltspitze etabliert. Dabei scheint es kaum vorstellbar, dass die Niederlande vor fünfzig Jahren in der Fußballwelt keinerlei Bedeutung hatten. Als Beweis für diese kühne These soll ein kleines Zahlenspiel dienen: Zwischen 1949 und 1955 gewannen die Niederländer gerade einmal zwei von ihren 27 Spielen – die heutige Nationalmannschaft Luxemburgs hat in seinen letzten 27 Spielen genauso viele Siege errungen. Die Niederlande war also ein waschechter Fußballzwerg.

Und dann kam Johann Cruyff. Seine Gestalt überragt den gesamten holländischen Fußball. Seine Rolle wird oft mit der von Franz Beckenbauer im deutschen Fußball verglichen – eine übergroße Lichtgestalt, die über allem steht und deren Meinung heilig ist. Aber dieser Vergleich geht nicht weit genug: Franz Beckenbauer ist ein herausragender Teil des deutschen Fußballs – Johann Cruyff ist der niederländische Fußball. Zusammen mit seinem Trainer und Mentor Rinus Michel revolutionierten die beiden die Fußballtaktik und sorgten dafür, dass die niederländische Mannschaft von 1974 trotz der Finalniederlage gegen Deutschland als eines der besten Fußballteams aller Zeiten gilt.

Ihre Ideen waren genauso simpel wie erfolgreich: Zuvor wurde größtenteils Manndeckung betrieben und der Gegner bis zum eigenen 16er kaum gestört. Holland machte es genau anders herum: Der Gegner wird mit raumdeckendem Pressing bereits in dessen Hälfte unter Druck gesetzt, damit sich dessen Aufbauspiel gar nicht erst entfalten kann. Sobald man den Ball dann hatte, ließ man ihn geduldig zirkulieren, bis sich der Gegner kaputt gelaufen hat, um ihn dann durch Positionswechsel und Pässe in die Tiefe den letzten Stoß zu geben.

Dass diese Art von Fußball im liberalen Holland entstand, ist sicherlich kein Zufall. Die Ideologie, nichts dem Schicksal zu überlassen, passt nämlich perfekt zu dem Land in jener Zeit, das zu den säkularsten der Welt gehörte. Man setzte nicht einfach elf gute Fußballspieler ein und hoffte, dass der Fußballgott ihnen einen guten Tag schenkt; Fußball wurde minutiös geplant. Das begann beim Training und hörte bei der taktischen Marschroute für das Spiel auf. Die holländischen Spieler waren immer einen Tick fitter und einen Tick besser eingestellt als ihre Gegner. Mit dieser Art von Fußball stieß man schnell in die Weltspitze und etablierte in Holland eine Fußballkultur, die Cruyff und das schöne Kombinationsspiel abgöttisch verehrt. Auch in den kommenden Jahrzehnten schickte man oft tolle Fußballteams zu Turnieren, die die Tradition des „Voetball Total“ hochhielten.

Gebracht hat all der schöne Fußball in den letzten vierzig Jahren jedoch nichts außer anerkennenden Worten und einen EM-Titel 1988. Die Holländer starben bei WMs stets in Schönheit, wie es der Volksmund so schön umschreibt. Doch genau das hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Schon unter Advocaat und dann vor allem unter van Basten war zu erkennen, dass die Holländer abkehren vom offensiven „Voetball total“. Bei der EM vor zwei Jahren glänzte man in der Vorrunde mit gut organisierter Defensive und nadelstichartig gesetzten Kontern. Bert van Marwijk baute diesen Stil noch aus und setzt auf effektiven, pragmatischen Fußball. Kritiker werfen dem niederländischen Spiel einen „totalen Opportunismus“ vor, dem es nur um das Ergebnis geht. Dass die Holländer so spielen, ist nach den Jahrzehnten vergebener Mühe kein Wunder. Arjen Robben brachte die Metamorphose des holländischen Fußballs auf einen Punkt: „Ich möchte lieber ein hässliches Spiel gewinnen, als dass wir schön spielen und am Ende verlieren.“

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass man genau auf Spanien trifft, die die wahren Erben des Cruyff’schen „Voetball Total“ sind. Die niederländische Mannschaft ist aufgrund ihres eher unansehnlichen Stils in der Heimat nicht unumstritten. Fußballgott Johann Cruyff hat das ausgesprochen, was wohl so mancher in seinem Heimatland denkt: „Wen ich unterstütze? Ich bin Niederländer. Aber ich unterstütze den Fußball, den Spanien spielt.“

Eine linke Revolution beim DFB

4. Juli 2010

„Besser geht’s nicht, oder?“, „Deutschland auf dem Weg zum Titel“, „Ganz clever gespielt von der deutschen Mannschaft“ – die Leistung von gestern wird von der nationalen und internationalen Presse in den höchsten Tonen gelobt. Hätte vor zehn Jahren jemand behauptet, die deutsche Mannschaft wäre eines Tages die spielstärkste Mannschaft eines WM-Turniers, der durchschnittliche Fußballfan hätte nur müde gelächelt. Zu jener Zeit hatte der Rumpelfußball Hochkonjunktur, schön spielten die anderen. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich im deutschen Fußball einiges verändert. Wie kommt es, dass Deutschland heute so anders spielt als noch vor zehn Jahren?

Am Anfang einer jeden Veränderung steht oft eine Niederlage. Wer siegreich ist, sieht meist wenig Grund für eine innere Veränderung. Das gilt nicht nur für gesellschaftliche und politische Prozesse, sondern auch für fußballerische. In diesem Sinne konnte dem deutschen Fußball eigentlich nichts Schlimmeres passieren als die Titel bei der WM 1990 und der EM 1996. Denn während auf der ganzen Welt, von Brasilien bis nach Spanien, die Weichen für die Umstellung auf eine neue, moderne Art des Fußballspielens gelegt wurden, lief in Deutschland alles weiter wie früher. Keiner wollte an den veralteten Gewohnheiten wie Manndeckung und dem Spiel mit Libero sägen, wieso auch? Man hatte doch zwei Titel in einem Jahrzehnt gewonnen, ganz ohne modernen Taktikschnickschnack.

Erst zwei Niederlagen setzten einen Prozess der Erneuerung in Gang: Die 0:3-Niederlage im Viertelfinale der WM 1998 gegen Kroatien rief einige Modernisierer auf den Plan, aber erst das vollkommen unterirdische Abschneiden bei der EM 2000 machte klar, dass es mit der deutschen Marschroute nicht weiterging. Taktische und spielerische Mängel ließen das deutsche Team wirken, als wäre es mit einer Zeitmaschine direkt aus dem Jahr 1970 auf den Platz teleportiert worden. Hatte man in den letzten fünfzig Jahren stets Erfolg mit den „deutschen Tugenden“ gehabt, wurde allen konservativen Fußballkräften klar, dass im 21. Jahrhundert mehr benötigt wird als eine bravourös kämpfende Einheit.

Schaut man sich die Geschichte des deutschen Fußballs an, so zeigt sich, dass das Fußballspiel schon immer mehr als Kampfspiel denn als Ballspiel aufgefasst wurde. Das hat historisch seine Wurzeln im Militarismus und dem Führerprinzip der 10er, 20er und vor allem 30er Jahre, was auch auf den Fußball abperlte. Werte wie „Unterwürfigkeit gegenüber dem System“ und „Kampf bis zum Umfallen“ wurden damals von der Gesellschaft auf den Fußball übertragen, der das Volk zu „deutschen Tugenden und totaler Unterwürfigkeit“ erziehen sollte – und wollte, auch wenn der DFB lange Zeit seine Rolle im Nazi-Zeitalter schönredete.

Wer glaubt, dass diese Werte aus der (Vor-)Nazi-Zeit heute keinen Einfluss mehr haben, der braucht sich nur die durchschnittliche Berichterstattung nach einem Spiel anzuschauen: Wenn ein Spieler zahlreiche technische und taktische Fehler in einem Spiel begeht, wird er kritisiert – aber wenn ein Spieler (angeblich) nicht gekämpft hat, ist das für ihn das Todesurteil in der deutschen Berichterstattung. Selbst nach dem Sieg gestern wurde überproportional häufig das Wort „großer Kampf“ benutzt, obwohl es eigentlich das genaue Gegenteil war, eine große taktische und spielerische Leistung. Und auch der anhaltende Glaube daran, dass eine Mannschaft einen „starken Führer“ braucht, wurde mit der Verletzung Michael Ballacks kurz vor der WM noch einmal eindrucksvoll aufgezeigt. Fußball war in Deutschland stets eine konservative Sphäre, die noch länger als die sonstige Gesellschaft an altdeutschen Werten und Tugenden festhielt.

40 Jahre lang lief es so für den deutschen Fußball gut. Man war ein eingeschworenes Team, das im Zweifelsfall die besten Manndecker der Welt hatte, die bis zum Umfallen kämpften. Die wahren Helden der drei Weltmeistertitel waren Werner Liebrich, Berti Voigts und Guido Buchwald, die die zentralen gegnerischen Spieler Hidegkuti (Ungarn 1954), Cruyff (Niederlande 1974) und Maradona (Argentinien 1990) mit harter Manndeckung aus dem Spiel nahmen. Doch seit den 90er Jahren reicht Kampf und Manndeckung nicht mehr aus, um ein Spiel zu gewinnen. Das hat zum Einen damit zu tun, dass die Vorteile der Raumdeckung immer offensichtlicher wurden, zum Anderen mit der zunehmenden Geschwindigkeit des Spiels. Die über 90 Minuten anhaltende Konzentration, die früher dank effizienten Konditionstrainings eine deutsche Stärke war, ist heute zum Standart geworden. Früher waren die deutschen Tugenden eine Sieggarantie – heute muss jede Mannschaft 90 Minuten kämpfen, sonst hat sie automatisch verloren.

Genau in dieser Zeit, als der deutsche Fußballfan sich kaum noch wagte, ein Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft anzuschauen, kamen nach einer völlerschen Übergangsperiode Jürgen Klinsmann und Jogi Löw an die Macht. Sie krempelten den deutschen Fußball komplett um, mit Hilfe eines für einen DFB-Präsidenten eines sehr guten Jugendleiters Matthias Sammers und eines unerhört liberalen Theo Zwanzigers (der aber trotzdem ein recht konservativer Mensch ist, siehe seine langjährige CDU-Mitgliedschaft). Mit ihnen wurde der Muff von hundert Jahren aus dem DFB (zumindest teilweise) vertrieben, der deutsche Fußball wurde vom Kampf- zum Spielsport umgeschult. Den Lohn dafür sah man gestern: Deutschland gehört zu den spielstärksten Mannschaften der Welt. Ein Umstand, der vor zehn oder zwanzig Jahren als unmöglich schien.

Es bleibt nur zu hoffen, dass auch nach der WM dieser Kurs weiter beibehalten wird. Im Hintergrund des DFB drohen die ohnehin rumorenden, konservativen Kräfte den deutschen Fußball erneut um hundert Jahre zurückzuwerfen, in dem sie Bierhoff und Löw am liebsten entmachten würden. Derzeit sieht es aber zum Glück ganz gut aus…