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Sind wir nicht alle ein bisschen Studivz?

22. August 2009

Wer heute beim ersten Date Fragen wie “Was sind deine Hobbies?” oder “Was für Musik hörst du denn so?” stellt, hat gleich verloren. “Hallo? Hast mein Profil nicht angeschaut oder was?” So oder so ähnlich sieht mangelhafte Vorbereitung auf eine Verabredung im “Web 2.0”-Zeitalter aus. Heutzutage präsentiert man sich der Welt im Internet, auf Seiten wie myspace, facebook oder studivz. Die These, dass die Digitalisierung und Virtualisierung von Lebensräumen das menschliche Miteinander entschieden verändert, ist in westlichen Kulturkreisen ähnlich unumstritten wie die Theorie des climate change. Doch bei beiden prangert eine Frage über der allgegenwärtigen Diskussion: Wie stark ist der Einfluss der Entwicklung tatsächlich auf unser tägliches Leben?

Facebook, Studivz und co. haben vor allem den Bereich des Impression-Management, der Selbstdarstellung der eigenen Person gegenüber seinen Mitmenschen, stark verändert. Früher fand dies vornehmlich über körperliche Aspekte statt. Wer der Außenwelt zeigen wollte, dass er als Punk getrost auf das System scheisst, hat sich abgewetzte Klamotten und eine extravagante Frisur zulegen müssen. Heute tritt man im studivz einfach der Gruppe “ES LEBE DER PUNK!!!” bei und schon weiß nicht nur jeder Profilbesucher über die eigenen Vorlieben Bescheid, nein, man findet auch noch 685 andere Leute, die genauso denken wie man selbst. Gleichgesinnte finden leicht gemacht.

Dabei ist der Ausgestaltung des digitalen Profils vor allem beim Kommunikationsportal studivz keine Grenzen gesetzt. Heavy-Metal-Jünger, CDU-Anhänger und Celine Dion-Fan? Einfach drei Häkchen bei den jeweiligen Gruppen setzen und schon weiß der gesamte Bekanntenkreis von den eigenen, scheinbar widersprüchlichen Vorlieben. Frei nach dem Motto: Jeder ist, wie er ist. Oder wie er gerne wäre. Denn bei der Polierung des eigenen Profils wird penibel drauf geachtet, dass man sich so gut wie möglich selbst darstellt – denn wer hat schon gerne Tomatenflecken auf dem Designer-Polo-Profil?

Durch diese schier unendlichen Möglichkeiten mag man den Eindruck haben, dass Individualität heute besonders groß geschrieben wird. Einzigartige studivz-Gruppen, tausende individuelle Fotoalben im myspace – Impression Management funktioniert nicht mehr über das Äußere, sondern über den Inhalt, den man in das weltweite Netz projiziert. Das Problem dabei ist jedoch, dass diese Individualität ein jähes Ende mit den Grenzen der jeweiligen Plattform findet. Ein studivz-Profil bleibt eben ein studivz-Profil – seine Lieblingstiere kann man da nicht angeben. Oder um bei der Polo-Shirt-Metapher zu bleiben: Heute kauft jeder seine einzigartigen Klamotten in den selben fünf, sechs Läden. Dein studivz-Profil mag zwar unglaublich einmalig sein, nur gibt es noch über 14 Millionen weitere, die vom Design her deckungsgleich sind.

Und so fungiert das Internet nicht als der große Individualitätserschaffer, wie manch einer es gerne hätte. Web 2.0 bedeutet einfach, dass das Impression-Managment sich ins Netz verlagert – gebündelt auf einer handvoll Internetportalen. Durch diesen eng gestrafften Rahmen gewinnt die Welt nicht an Individualität, sie verliert – noch nie haben sich so viele Menschen in derart klein abgesteckten Formen selbst präsentiert. Rund 10 Millionen aktive Deutsche allein auf dem Studentenportal studivz sprechen eine deutliche Sprache. Fast jeder hat heute ein individuelles Profil, egal ob studivz, myspace oder das Business-Äquivalent Xing – und wenn jeder individuell ist, sind alle gleich.

Oder wenn man es gehässig formulieren will: Noch nie waren so viele Menschen derart angepasst wie heute.