Archive for the ‘Televisionär’ Category

Lena Meyer-Betrügerut? Verschwörungstheorien zum Grand Prix

30. Mai 2010

Ganz Deutschland ist im Lena-Fieber. Der erste Grand-Prix Sieg seit fast 30 Jahren hat in Deutschland eingeschlagen wie eine Bombe. Endlich mal ein Triumph in diesem Wettbewerb, bei dem deutsche Beiträge in den letzten Jahren stets unter „ferner liefen“ stattfanden. Endlich der Beweis, dass der Eurovision Song Contest nicht aus Punkteschiebereien besteht, sondern dass auch ein mitteleuropäisches Land wie Deutschland gewinnen kann. Will man meinen.

Wer sich aber die Mühe macht, die internationalen Kommentare zu Lena Meyer-Landruths überwältigendem Eurovision-Songcontest Sieg durchzulesen, wird schnell merken, dass Verschwörungstheorien um Punkteschiebereien unter Nachbarn nicht nur eine deutsche Disziplin ist. Gerade die Osteuropäer werfen Deutschland vor, nur gewonnen zu haben, weil sie Punkte aus den Nachbarländern abgestaubt haben. Das klingt für den durchschnittlichen Mitteleuropäer zunächst einmal verrückt, die Kommentare bei der offiziellen Eurovision-Seite und bei Youtube quellen jedoch vor solchen Behauptungen über. Diese These lässt sich jedoch leicht widerlegen: Man nimmt einfach sämtliche Anrainerstaaten Deutschlands aus der Wertung. Das Ergebnis sähe folgendermaßen aus (in Klammern das Originalergebnis):

1. (1.) Deutschland 198
2. (3.) Rumänien 139
3. (2.) Türkei 135
4. (4.) Dänemark 133
5. (5.) Aserbaidschan 128

Ein zweiter, politisch viel brisanterer Erklärungsversuch für den Sieg der unorthodoxen deutschen Sängerin ist – man höre und staune – der EU-Rettungsschirm. Die These: Da Deutschland den Großteil der Bürgschaften für den Euro-Rettungsschirm übernehme, hätten sich die anderen Euro-Länder wohl gesonnen gezeigt und die Deutschen im Gegenzug mit Punkten überschüttet. Auch diese Behauptung lässt sich leicht überprüfen: Man streicht einfach die Wertungen der Euro-Länder Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Malta, Niederlande, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern. Heraus kommt folgendes Ergebnis:

1. (1.) Deutschland 164
2. (2.) Türkei 125
3. (9.) Georgien 115
4. (5.) Aserbaidschan 107
5. (3.) Rumänien 105

An beiden Verschwörungstheorien ist also nichts dran. Vielmehr muss man festhalten, dass Lena gerade wegen ihrer Beliebtheit quer durch ganz Europa gewonnen hat; sowohl Osteuropäer als auch Skandinavier als auch westeuropäische Staaten haben für Lena gestimmt.

Eine weitere Verschwörungstheorie soll aber an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Die Jurys, die zur Hälfte das Ergebnis eines Landes beeinflussen, hätten Deutschland aufgewertet, damit ein finanzkräftiges Land nächstes Jahr den Grand Prix ausrichten könne. Alle anderen Staaten hätten durch die Finanzkrise kein Geld für solch einen Luxus. Fakt ist: Die diesjährige verantwortliche Rundfunkanstalt aus Norwegen musste ihre Rechte für die Fußball-WM abtreten, damit sie das knapp 50 Millionen teure Spektakel finanzieren konnten. Es ist daher fraglich, ob Länder wie Georgien oder Bosnien-Herzogowina in der Lage wären, den Eurovision Song Contest überhaupt zu stemmen. Die Verschwörungstheoretiker sagen, Deutschland habe als eines der wenigen Länder in Europa genug Geld und genug Grand-Prix-Vernarrtheit für solch ein irrsinnig teures Unterfangen. Deshalb hätten die Jurys dafür gesorgt, dass Deutschland stets viele Punkte bekommt.

Oder vielleicht stimmt auch die abwegigste aller Verschwörungstheorien: Lena hat einfach gewonnen, weil sie die beste Sängerin war. Wer weiß…

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Die Schmidt Total Daily Reloaded Show

18. September 2009

Jetzt mal persönlich: Ich weiß nicht, was die Kommentatoren, die die gestrige Harald Schmidt Sendung dermaßen über den Klee loben, sich dabei denken. Ja, ein paar Gags waren echt nicht schlecht. Aber das gleich als Rückkehr des alten Harald Schmidts zu bezeichnen? Der hat mit Playmobil gespielt, lustige Studioaktionen gebracht und boulevardeske Gäste eingeladen. Nein, was gestern unter dem Namen „Harald Schmidt“ im Ersten Deutschen Fernsehen lief, war eine billige Kopie anderer Formate.

Sich über einen Gabriel-Versprecher a la „nicht geborene Mütter gebären nicht geborene Töchter“ lustig machen? Der Gag hätte Stefan Raab gut gestanden, und ich glaube sogar, er hätte ihn lustiger von seinem Zettel ablesen können. Rasch hintereinander politische TV-Schnipsel kommentieren? Das war nicht schnell und vor allem nicht bissig genug um an Jon Stewarts „Daily Show“ ran zu kommen. Ein nachgeahmtes Peter Scholl-Latour Interview? Für Promiveralberungen schaue ich mir lieber gleich „Switch Reloaded“ oder Martina Hill in der „heute show“ an. Filme im Form eines „Wickie und der Antichrist“ parodieren? Da hat das Internet viel, viel besseres Material zu bieten. Und wer ernsthaft meint, Schmidts neuer Sidekick Katrin Bauerfeind kommt auch nur ansatzweise an Manuel Andrack ran, der freut sich auch, wenn Paul Panzer im „Satire-Gipfel“ auftritt.

Sicher, die Sendung von Schmidt war O.K., jedoch nicht Lichtjahre weit entfernt von „Schmidt und Pocher“. Egal, wie sehr man das Duo schelten will, es war in seiner Form etwas einzigartiges und neues und manchmal sogar lustig. Das Format gestern war zwar auch manchmal lustig, aber weder einzigartig noch neu.

Hoffen wir, dass Schmidt schnell zu seiner wirklich alten Form zurückfindet. Ansonsten muss man sich ernsthaft überlegen, die neue Pocher-Show als Alternative zu schauen – und das will ja wohl niemand von uns.

Biblische Fernsehshow ohne Happy End

13. September 2009

Schon seit biblischen Tagen erfreut sich der Mensch, wenn ein David einen Goliath schlägt. Genau nach diesem Patentrezept funktioniert auch die ebenso simple wie spannende Samstagabendshow „Schlag den Raab“: Ein vom Publikum gewählter David tritt gegen den Goliath Stefan Raab an und versucht ihn in fünfzehn Spielen zu schlagen. Die Sendung steht und fällt dabei mit der Sympathie des Kandidaten. Man fiebert gerne mit einem Underdog mit, der mit großem Kampf eine Aufholjagd startet und den ehrgeizigen Raab kurz vor Ende abfängt. In diesem Sinne war die letzte Sendung vor der Sommerpause, als es um den Rekordjackpot von 3.000.000 Euro ging, ein glatter Reinfall: Man saß eher gelangweilt als elektrisiert vor dem Fernseher, da der damalige Kandidat zwar zwar ganz nett war, aber nicht cool genug, als dass man ihm gleich so viel Geld gegönnt hätte. So war der riesige Jackpot noch am ehesten ein Anreiz, nicht umzuschalten. Das Konzept „Schlag den Raab“ funktioniert einfach am besten, wenn die Sympathien klar verteilt sind.

In diesem Sinne war der Kandidat der gestrigen „Schlag den Raab“-Sendung ein Glücksgriff. Selten hat man bis zum letzten Spiel so stark mitgefiebert. Egal ob Armbrustschießen, Bahnradfahren oder Besen jonglieren, die Daumen wurden fest gedrückt – jedoch nicht für den Kandidaten. Das Prinzip der Sendung, dass man gegen Raab und für den Kandidaten ist, wurde umgedreht.

Wie konnte es dazu kommen, dass Ehrgeizling Raab gegen den Kandidaten Hans-Martin wie ein kleiner David aussah? Hans-Martin hat sich nicht in seine Underdog-Rolle gefügt, sondern zur Attacke geblasen – und überschritt dabei zu oft die Arroganzschwelle. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Nachdem er nach fünf von sechs Durchgängen beim Diskuswerfen (Danke für den Hinweis) scheinbar uneinholbar führte, fragte er süffisant, ob er überhaupt noch werfen solle. Frenetischer Applaus des Publikums, als Raab daraufhin im sechsten und letzten Versuch Bestweite warf und das Spiel gewann. Solche Anwandlungen von Überheblichkeit verzeiht das Publikum einem Medienexperten wie Raab, der genau weiß, wann er den schmalen Grat zwischen Ehrgeiz und Arroganz übertreten darf. Nicht aber einem Schönling wie Hans-Martin.

Laute Selbstmotivationssprüche Marke „Du schaffst das, Alda!“ taten ihr Übriges, und so brauchte Hans-Martin sich nicht wundern, dass das Publikum ihn gnadenlos auspfiff nach seinem Sieg im letzten Spiel, dem Münze-in-ein-Glas-Schnippen (das, nebenbei erwähnt, ein dramaturgischer Meistergriff war). Abschließend konnte man auf einen gelungenen TV-Abend zurückblicken, bei dem man dank toller Spiele und klar verteilter Rollen gut mit fiebern konnte. Einziges Manko: Goliath hat David besiegt.