Saison Prognose 2011/2012

4. August 2011

Saison-Prognosen aller Orten – da will auch ich nicht fehlen! Mein vollkommen subjektiver Blick auf die kommende Saison.

Borussia Dortmund

Auch wenn viele diese Saison auf die Bayern setzen, ich sehe den BVB leicht vorne. Die Leistungen in der Vorbereitung knüpften da an, wo man letzte Saison aufgehört hat. Da der Kern der Mannschaft zusammengeblieben ist, funktioniert Klopps System weiterhin tadellos: Viel Laufbereitschaft, Pressing auf dem ganzen Platz, variables Offensivspiel. Sahin ist zwar gegangen, doch bereits in der Rückrunde der letzten Saison deutete der BVB an, dass sie auch ohne ihn stark sind. Zusammengerechnet mit den guten Neuzugängen Gündogan, Perisic und Löwe scheint der BVB das Potenzial zu haben, die Meisterschaft zu verteidigen.
Prognose: Sie verteidigen den Titel. Platz 1

Bayer Leverkusen

Wenn Bayer Leverkusen tatsächlich das hält, was die erste Halbzeit in Dresden versprach, dann sind sie heißer Kandidat für den tollsten Fußball. Was das Mittelfeld an Rochaden anbot, war größtes Kino. Auf der anderen Seite steht jedoch eine Abwehr, die ihren Namen noch nicht verdient hat. Zumal neue Trainer mit einem derart komplexen taktischen Konzept ein bis zwei Jahre Einarbeitungszeit brauchen, um den Kader ihren taktischen Ideen anzupassen (siehe Klopp beim BVB, der auch die komplette Mannschaft ersetzte, bis er Erfolg hatte). Dutt enttäuschte bisher in der ersten Saison bei neuen Trainerstationen nie, schaffte jedoch auch noch nicht den großen Sprung.
Prognose: Dutts Premierensaison ist spektakulär und endet solide auf Platz 4

Bayern München

Eigentlich ist alles angerichtet für eine erfolgreiche Saison: Eine Mannschaft, die punktuell verstärkt wurde. Eine Abwehr, die nach den Neuzugängen von Rafinha und Boateng endlich funktionieren könnte. Ein Trainer, der keinen Radikalumschlag möchte, sondern ruhig mit Mannschaft und – ganz wichtig – Vorstand arbeiten kann. Und trotzdem bleibt beim FC Bayern ein kleines Fragezeichen. Wird Heynckes taktisch an das ballbesitzorientierte Spiel von Louis van Gaal anknüpfen? Wird er ähnliche Ruhe ins Aufbauspiel bringen, wie er es bei Bayer Leverkusen tat? Und wie reagiert das nervöse Umfeld auf zu erwartende Rückschläge? Solange all diese Fragen nicht endgültig beantwortet sind, kann ich an dieser Stelle nur Platz 2-3 prognostizieren.
Prognose: Aktuell sieht es nicht nach Meister aus. Platz 2-3

Hannover 96

Keine Abgänge, ein beruhigtes Arbeitsklima, Euphorie im Umfeld – klingt danach, als ob Hannover 96 erneut eher nach oben als nach unten schielen darf. Mit erhöhtem Anspruch und Budget kommen allerdings neue taktische Probleme: Nachdem man letzte Saison abwartend agierte und mit Mittelfeldpressing und wenig Raum zwischen den Viererketten erfolgreich Gegner um Gegner überrumpeln konnte, ist man nun im Spiel gegen viele Bundesligisten in der Favoritenrolle. Wenn ihnen der Gegner den Ball gibt und selber tief steht, haben sie ihre Mühe, das Spiel zu machen. Dieses Problem wird dem amtierenden Vierten diese Saison sicher öfters passieren. Slomka hat an diesem Problem gearbeitet, wie die von mir gesehenen Spiele in der Vorbereitung zeigten – allerdings sind hier noch zu viele Fragezeichen, als dass ich eine erneute Überraschung prognostizieren könnte.
Prognose: Hannover schielt eher nach unten. Platz 12-15

FSV Mainz 05

Nach dem, was ich in der Vorbereitung sehen durfte (man muss eher sagen „musste“), dürfte Mainz ein Abstiegskandidat sein. Die Defensive ist ordentlich, aber nicht überragend. In der Offensive klappt jedoch gar nix. Das 4-3-1-2 System der letzten Saison, mit dem Tuchel immer noch kokettiert, stößt an seine Grenzen, wenn im offensiven Zentrum und auf den Flügeln niemand ist, der die Position füllen kann. Dennoch vertraue ich darauf, dass Tuchel nach schwierigen Anfangswochen das Ruder rumreißt. Das Potenzial im Kader ist da.
Prognose: Nach schlechtem Start reißen sie das Ruder rum. Platz 16.

1. FC Nürnberg

Die Vorbereitung verspricht Gutes: Ein Sieg gegen Ajax Amsterdam, eine souveräne Pokalleistung und Neuzugänge, die sich gut einfügen. Trotz der vielen Abgänge muss man sich keine Sorgen um Nürnberg zu machen. Schon die letzten Jahre zeichnete sie ein gutes Scouting aus. Pekhart und Feulner versprechen viel. Wenn Heckings Team diese Saison das Feld ähnlich eng macht wie letzte Saison und defensiv weiter gut steht, landen sie im Niemandsland der Tabelle. Für sie sicher ein großer Erfolg.
Prognose: Mit dem Abstieg haben sie nichts zu tun. Platz 7-11

1. FC K’lautern

Bitte in den Text über Nürnberg „Kaiserslautern“ einfügen und die Neuzugänge durch Vermouth und Schechter ersetzen. Zusätzlich sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass genau wie in Nürnberg das eher defensive Konzept auch nach hinten losgehen kann: Sobald die schnellen Gegenstöße und die auf wenige offensive Kreativposten ausgelegte Strategie nicht mehr aufgeht, kann es beiden Teams wie Eintracht Frankfurt letzte Saison ergehen. Die Lauterer wollen es nicht hoffen.
Prognose: Nürnberg ist das Vorbild. Platz 7-11.

Hamburger SV

Das große Fragezeichen der Liga. Der HSV steht vor dem größten Umbruch seiner Geschichte. Es ist nicht absehbar, wie es ausgeht. Die Fraktion der Spieler, die neu von Chelsea kamen, haben zwiespältige Leistungen gebracht: Töre überzeugte in der Vorbereitung, Mancienne so lala, Bruma eher Bankkandidat. Wenn alles perfekt läuft und Wunderkind Son unverletzt bleibt, reicht es für die erste Tabellenhälfte.
Prognose: Eine Saison im Umbruch. Platz 7-11.

SC Freiburg

Ebenfalls eine Wundertüte. Dutt hat es geschafft, Freiburg attraktiv und erfolgreich spielen zu lassen. Sorg muss jetzt beweisen, dass der Erfolg nicht nur der Taktik seines Vorgängers geschuldet war. Die Vorbereitung offenbarte, dass man noch immer recht abhängig von Cisse ist. Sollte dieser nun ein Formtief habe oder – Gott behüte – gar transferiert werden, sieht es ganz schlecht aus für Freiburg. Zumal das Pokalaus in dieser Hinsicht nichts Gutes verheißt.
Prognose: Klassenerhalt wird nicht geschafft. Platz 17-18.

1. FC Köln

Nachdem die bisherigen Tipps alle relativ konservativ ausfielen, werde ich nun das erste Ausrufezeichen setzen: Köln ist meiner Meinung nach ein Kandidat für die große Überraschung. Solbakken hat in Kopenhagen gezeigt, dass er mit wenig Geld viel erreichen kann. Nun wird in Köln (endlich) Angriffspressing eingeführt. Moderne Trainingsmethoden und eine Trainer-Manager-Kombination, die nicht auf Populismus zugunsten des Boulevards sondern auf langfristige Arbeit setzen, könnte der FC zu einer Überraschungsmannschaft der Saison werden lassen. Oder die Podolski/Express-Kombo macht in den ersten Wochen so viel Stunk, dass es doch gegen den Abstieg geht…
Prognose: Das neue Mainz. Platz 5 oder 6.

1899 Hoffenheim

Stanislawski und Hoffenheim, das fühlt sich immer noch an wie der berühmte Fisch mit dem Fahrrad. Er übernimmt einen Verein, dessen Fußball von der F-Jugend bis zum Altherrenteam geprägt ist von der Spielidee von Ralf Rangnick. Das ist ein schweres Erbe, zumal ich Stanislawski nicht zu den besten Taktikern der Liga zähle. Offensiv kann er sicher was, doch er muss zeigen, dass er mit einem derart ambivalenten Kader umgehen kann. Das wird ein hartes Stück Arbeit.
Prognose: Die Hinrunde wird verhauen. Nachdem Stanislawski hinwirft, rafft sich Hoffenheim auf und spielt eine gute Rückrunde. Platz 12-15.

VfB Stuttgart

Eigentlich bin ich geneigt, aufgrund der klasse Rückrunde und der soliden Vorbereitung dem VfB einen Europapokalplatz in Aussicht zu stellen. Labbadia ist ein solider Taktiker, der Kader gut besetzt. Doch der berühmt-berüchtigte Hinrundenfluch liegt wie ein Damoklesschwert über dem Team. Werden die Stuttgarter die erste gute Hinrunde seit Jahren spielen? Sollte dies nicht der Fall sein, liegt der Trainerrauswurf in der Luft: Labbadia ist kein Motivator, hat nicht die taktische Flexibilität für neue Ideen mitten in der Saison. Wenn jedoch die erste Saisonhälfte auf einem einstelligen Tabellenplatz überstanden wird, könnten sie ganz oben angreifen.
Prognose: Stuttgart besiegt den Fluch. Platz 5-6.

Werder Bremen

Mein subjektives Gefühl sagt mir, dass diese Saison nicht gut ausgehen wird. Thomas Schaaf macht seit Jahren die gleichen taktischen Fehler, zumal zuletzt viele Fehleinkäufe getätigt wurden. Doch die Transfers stimmen mich milde. Wenn der alte Herr es schafft, Ekici, Sokrates und Co. in ein Offensivkonzept zu stecken, dass die zu erwartende Defensivschwäche kompensiert, wird Werder Bremen mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Und das wäre aus meiner Sicht bereits ein Erfolg.
Prognose: Werder Bremen dümpelt im Mittelfeld. Platz 7-11

Schalke 04

Schalke ist eine weitere Wundertüte. Ralf Rangnick ist ein sehr kompetenter Trainer, der mit einer Mannschaft schön und erfolgreich spielen kann. Das hat er häufig bewiesen, und ich denke, das wird er auch diese Saison wieder beweisen. Der Zeitgeist bevorzugt aktuell schnell umschaltende Teams – etwas, das er beherrscht. Da die Baustellen auf den Außenverteidigerpositionen geschlossen scheinen, steht einer überraschend erfolgreichen Saison wenig im Wege.
Prognose: Schalke greift wieder an. Platz 2-3.

VfL Wolfsburg

Felix Magath is back, und mit ihm pumpt VW viele Millionen in das Team. Trotz der Transfers von Träsch, Lakic und der halben Abwehr von Eintracht Frankfurt halte ich nicht viel von den Niedersachsen. Magath behandelt die Außenpositionen stiefmütterlich. Überhaupt ist das offensive Mittelfeld eine einzige Baustelle im Spiel der Wolfsburger. Deshalb werden sie in dieser Saison niemanden überraschen.
Prognose: Eine Saison im unteren Tabellendrittel. Platz 12-15.

Mönchengladbach

Auch hier fällt die Prognose recht schwer. Lucien Favre hat unter Beweis gestellt, dass er die Defensive eines vom Abstieg bedrohten Teams in kürzester Zeit stabilisieren kann. Schon in Berlin konnte er so mit seinem modernen Catenaccio zeitweise um die Meisterschaft mitspielen. Schwächen offenbarte er dort in der darauffolgenden Saison im Bereich der Kaderplanung (wobei ungeklärt ist, ob es tatsächlich sein Unvermögen war). Auch seine Einkäufe zur neuen Saison sind keine Big Names. Gladbach ist daher sehr kaum ausrechenbar. Defensiv hui, offensiv pfui – viel wird auch davon abhängen, in welche Richtung der Trend der Bundesliga geht.
Prognose: Die letzten Jahre waren defensive Teams bevorteilt. Daher reicht es zu Platz 7-11.

Hertha BSC

Die Berliner haben sich vor allem dank ihrer soliden Offensive den Aufstieg gesichert. Defensiv waren sie nicht schlecht, allerdings waren sie auswärts in diesem Bereich anfällig. Die Erfahrung zeigt, dass defensiv starke Teams aus der zweiten Liga nach dem Aufstieg weniger Probleme haben als Teams, die durch ihre Offensivleistung in die erste Liga kamen – siehe der Vergleich Lautern / Pauli letzte Saison. Da der Kader von Hertha BSC Berlin aber breit gefächert ist und Babbel weiß, was er tut, werden sie nach schwierigen Anfangswochen den Klassenerhalt eintüten.
Prognose: Nichtabstieg. Platz 12-15

FC Augsburg

Der FC Augsburg ist bei jeder Bundesligaprognose Abstiegsfavorit Nummer eins – allein deshalb werden sie wahrscheinlich nicht absteigen. Ich schwimme einfach mal mit dem Strom und sage, dass die Systemänderung von 4-4-2 auf 4-2-3-1 erst zu spät fruchten wird, als dass der Klassenerhalt geschafft werden kann.
Prognose: Direkter Wiederabstieg. Platz 17-18

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Der Homo Internetsis und das Feuer

25. März 2011

Gerade hat mich zum hundertstem Mal eine Radiostation mit einer ihrer großartigen Ideen überrascht: Da wird ein Mitarbeiter abgestellt, dass er – und jetzt halte man sich aufgrund der einmaligen Innovativität dieser Idee fest – einen ganzen Monat(!) ohne(!!) Internet und Handy (!!!) leben muss. Nein! Sowas! Geht das denn überhaupt? Die Antwort wird natürlich prompt mitgeliefert: Ja, natürlich geht es, und es soll ja angeblich „befreien“ und einen von dieser „modernen Höher-schneller-weiter Gesellschaft“ wegbringen, die ja mit ihren modernen (Achtung, Denglisch!) Devices immer mehr Reize böte und den Menschen so unglaublich unter Druck setze. Wieder bewusster leben, lautet das Motto. Wie viel Chaos dieses Zeugs auch ins Leben der Menschen bringt: Ständig diese Mails checken! Immer wieder was Neues bei Facebook! Und die ganzen SMS erst! Nein, da muss man aussteigen, und noch besser als aussteigen ist natürlich noch ein Magazin / Radiostation / Fernsehsender, der diesen Ausstieg medienwirksam begleitet und vergütet. Ein Medium berichtet quasi darüber, wie schön es sich ohne Medien lebt. Ironieallergiker haben spätestens an diesem Punkt einen epileptischen Anfall.

Wenn ich solch einen Bericht höre, frage ich mich unweigerlich: War der Mensch schon immer so? Es ist ja aktuell sehr in, alles auf den Steinzeitmenschen zu beziehen. Angeblich ist der Mensch ja nur so, wie er ist, weil er genau so als Steinzeitmensch war. Das evolutionäre Äquivalent zur frühkindlichen Erziehung, nur ohne Probleme bei der Kitaplatzbeschaffung. Wie hat dieser Steinzeitmensch, der ja das Vorbild des heutigen „Homo Internetsis“ ist, beispielsweise auf die Erfindung des Feuers reagiert? Es gab da doch bestimmt auch Leute, die mit diesem neumodischen „Feuer“ so überhaupt nichts anfangen konnten. Diese Reizüberflutung durch die flackernden Flammen! Die Gefahr, sich zu verbrennen! Und dann erst die ganzen neuen Optionen für’s Leben! Früher ging das ganz einfach: Da wurde einfach der Säbelzahntiger getötet und gegessen. Und jetzt? Muss man sich entscheiden: Gekocht? Gebraten? Medium? Rare? Mit oder ohne Kräuterbutter? Nein, so viel Freiheit tut dem Menschen nicht gut, haben sich bestimmt einige Steinzeitmenschen gedacht, und das Feuer boykottiert. Einfach mal vier Wochen ohne Feuer leben, sagte sich der kluge Steinzeitmann, und danach alle Kumpels erzählen, wie viel näher man der Natur gekommen sei. Keine unnötige Wärme, kein gepökeltes Rindfleisch, einfach nur Mensch und Natur! Schade, dass es noch nicht Prosieben und taff gab, um einen Bericht über sie zu drehen.

Ob diese Menschen die Evolution überlebt haben, darf bezweifelt werden. Ihre Eigenschaft, alles neumodisch-nützliche als Teufelswerk abzutun, hat sich aber bis ins 21. Jahrhundert sehr gut gehalten.

Die eisige Beziehung zwischen Uli Hoeneß und Louis van Gaal.

3. Februar 2011

Seit Wochen macht der FC Bayern seinem Spitznamen FC Hollywood alle Ehre: Uli Hoeneß und Louis van Gaal liefern sich einen öffentlichen Schlagabtausch. Experten und Fans betrachten die Diskussion zumeist einseitig: Entweder van Gaal ist der gefühlskalte Trainer und Hoeneß der Bewahrer des FCB, oder van Gaal der Retter des guten Fußballs und Hoeneß der integrante Machtpolitiker, der seinen Einfluss auf den FC Bayern gefährdet sieht. Die Wahrheit, wie die Beziehung zwischen van Gaal und Uli Hoeneß zu bewerten ist, liegt dazwischen.

„Ich glaub nicht, dass sie einen Spieler finden werden, der etwas gegen Uli Hoeneß hat.“, sagte einst Mehmet Scholl über den Bayern-Manager Uli Hoeneß. In der Tat genießt dieser ein sehr hohes Ansehen bei aktuellen und ehemaligen Bayern-Akteuren. Abseits der Öffentlichkeit lassen sich zahlreiche positive Beispiele finden, die von Hoeneß Menschlichkeit zeugen: Als Lars Lunde 1987 bei einem Autounfall sportinvalide wird, sorgt Hoeneß dafür, dass dieser noch mehrere Jahre Gehalt vom FC Bayern beziehen kann. Ähnliches passierte im Falle Sebastian Deisler. Wer einmal beim FC Bayern erfolgreich gespielt hat, konnte auf die Hilfe von Uli Hoeneß setzen. Jahrzehntelang bezog der FC Bayern beispielsweise sein Briefpapier von Georg Schwarzenbeck, was diesen finanziell absicherte.

Dabei muss man nicht mal die Meinung vertreten, Uli Hoeneß tue das alles aus reiner Menschenliebe. Hinter seinen Taten steht die Philosophie, dass Fußballvereine nur erfolgreich sein können, wenn die Spieler sich voll mit ihrem Verein identifizieren können. Nach außen baut er ein Feindbild FC Bayern auf, um herauszustechen aus der Fußballwelt Deutschlands – nach innen tut er alles, damit die Spieler sich wohlfühlen. Hier lassen sich eindeutig Parallelen zur Öffentlichkeitsarbeit von Jose Mourinho erkennen.

Hier liegt das erste Problem in der Hoeneß – van Gaal Beziehung: Genau diese Art von Behandlung von Fußballspielern ist letzterem ein Dorn im Auge. In seiner Biographie macht er keinen Hehl daraus, dass er wenig von der bei Bayern gängigen Praxis hält, dass Spieler sich bei Vereinsoffiziellen ausheulen können. Für ihn ist eine Fußballmannschaft eine Fußballmannschaft – nicht mehr, nicht weniger. Für private Dinge sind die Spieler selber und der für solche Fragen ausgebildete Mannschaftspsychologe zuständig. Dass van Gaal nicht gerade für Feingefühl bekannt ist, war bereits vor seiner Zeit bei Bayern bekannt. Robert Enke musste sich bei seiner Ankunft in Barcelona vom damaligen Trainer van Gaal als erstes anhören, dass nicht er, sondern die Vereinsoberen ihn haben wollten. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die Gespräche mit Mario Gomez oder Antoliy Tymoshchuk nicht anders aussahen. Spieler zu finden, die schlecht über van Gaal reden, ist wahrlich keine große Kunst – jeder von ihm aussortierte Spieler kann zig Geschichten über den dominanten Holländer erzählen, von Giovanni über Lucio bis Luca Toni.

Für van Gaal steht nie der Mensch, sondern immer der Fußball im Vordergrund. Dies wird ihm oft als seine größte Schwäche ausgelegt, ist aber nebenbei auch seine große Stärke: Im Gegensatz zu Uli Hoeneß hat er eine genaue Vorstellung davon, was schöner Fußball ist. Für van Gaal ist das höchste Ziel des Fußballspielens nicht Erfolg, sondern die „Schönheit des Seins“. In Interviews macht er keinen Hehl daraus, dass eine „schöne Niederlage“ besser ist als ein „dreckiger Sieg“.

Sowohl Uli Hoeneß als auch Louis van Gaal wollen über den Weg des Fußballs unsterblich werden. Wo Uli Hoeneß jedoch Erfolg über Titel definiert, tut Louis van Gaal dies über dominanten und spielerisch aufregenden Offensivfußball. Er möchte, dass sich die Fans noch in zig Jahren an das schöne Spiel erinnern, das er mit seiner Mannschaft auf dem Platz verwirklichte. Genau aus diesem Grund hat er ein sehr hohes Standing bei den Bayern-Fans: Diese waren nach den Jahren unter Hitzfeld und Magath satt von den pragmatischem Erfolgstrainern, die ihre Taktik opportunistisch dem Erfolg unterordneten. Sie wollten in der Allianz Arena nicht nur die erfolgreichste, sondern auch die beste Mannschaft Deutschlands sehen, und genau das hat ihnen van Gaal in der Vorsaison geboten.

Hier konnte Uli Hoeneß noch verhältnismäßig ruhig bleiben, weil sein großes Ziel, Titel um jeden Preis, erreicht wurde. Sobald der Erfolg allerdings nicht mehr gegeben scheint, wurde er ungemütlicher. „Wer den Trainer wie ich in Barcelona erlebt hat, ist jetzt auch nicht überrascht, dass Uli Hoeneß in München mit van Gaals Umgangsformen wenig anfangen kann.“, weiß Journalist und Enke-Biograph Ronald Reng. Da ist es Uli Hoeneß auch egal, dass die Bayern im Gegensatz zu früher eine klare Strategie verfolgen, die auf dem Aufbau junger Spieler statt auf dem kurzfristigen Einkauf von Stars beruht. Er sieht „sein Modell FC Bayern“ mit all seinem Erfolg und all seiner Menschlichkeit in Gefahr.

Am Wochenende konterte van Gaal erneut die Kritik von Hoeneß. „Mein Vorstand unterstützt mich, meine Spieler unterstützen mich, mein Stab unterstützt mich. Ich denke, dass ich mich sehr wohl fühle beim FC Bayern. Aber mein Präsident hat Kritik geäußert. Okay, das ist so. Wenn eine Person das macht…“ Freunde werden die beiden in diesem Leben nicht mehr.

Das Märchen vom sauberen Fußball

13. Juli 2010

Der frisch gebackene Fußballweltmeister Andres Iniesta und der Radrennfahrer Andy Schleck scheinen zunächst einmal nicht viel miteinander zu tun haben – der eine ist ein kleingewachsener Spanier, der andere ein durchschnittlich großer Luxemburger. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch sehr viele Gemeinsamkeiten: Beide sind Ausnahmeathlethen ihrer Zunft. Beide haben am Wochenende den größten Triumph ihrer Karriere gefeiert, Iniesta mit seinem Tor im WM-Finale, Andy Schleck mit einem Tour de France-Etappensieg. Und beide haben schon einmal für Mannschaften gearbeitet, die dem überführten Dopingarzt Eufemiano Fuentes Vermutungen zufolge ziemlich nahe standen – Schleck für CSC, Iniesta für den FC Barcelona.

Das mag bei einem erfolgreichen Radsportler in diesen Zeiten niemanden mehr verwundern, denn der Radsport ist nach öffentlicher Meinung „total verseucht“. Wenn man allerdings so etwas über einen Fußballer hört, stutzt man erst einmal: Iniesta? FC Barcelona? Doping? Nein, das kann nicht sein, Fußball ist doch der saubere Sport schlechthin!

Der Fußball hat es geschafft, in der breiten Öffentlichkeit ein sauberes Image zu behalten, obwohl es viele Indizien gibt, dass auch im Fußball auf breiter Basis Doping getrieben wird. Auch wenn von Funktionärsseite oft behauptet wird, dass sich Doping in einem so komplexen Mannschaftssport nicht lohnt, da die medikamentöse Verbesserung der Athletik und Ausdauerfähigkeit im Fußball nichts bringen würde, gibt es aus der Vergangenheit genug nachgewiesene Dopingfälle. Schon bei der WM 1954 gab es Mutmaßungen, dass Doping beim „Wunder von Bern“ eine zentrale Rolle gespielt habe. Damals haben sich die deutschen Spieler in der Halbzeit Spritzen gesetzt, wie der ungarische Kapitän Ferenc Puskas nach dem Spiel behauptete. Die DFB-Elf stritt dies niemals ab, man behauptet jedoch bis heute steif und fest, dass es sich nur um ganz legale Traubenzuckerinjektionen handelte. Eine Behauptung, an der laut anerkannten Sportwissenschaftlern zumindest Zweifel herrschen. Vermutungen zufolge haben sich die Deutschen einen Vorteil durch Einnahme des Aufputschmittels Pervetin geschaffen, das vor allem im zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, damit sich die Kriegspiloten besser konzentrieren konnten.

Auch der großen Ajax-Mannschaft der 70er Jahre, auf die in diesem Blog bereits näher eingegangen wurde, wird Doping nachgesagt. Die Holländer konnten mit ihrer neuen Spielweise plötzlich wesentlich größere Laufwege durchführen als ihre Gegner, was viele Zweifler auf den Plan rief. Ein Masseur der damaligen Zeit, Salo Müller, enthüllte in seiner Autobiographie 2006 flächendeckendes Doping bei Ajax in jenen Jahren. Übrigens: Die erste Mannschaft, die ein ähnliches Spiel wie die Holländer aufziehen konnte, war selber höchstwahrscheinlich gedopt: Dynamo Kiew war zu dieser Zeit Teil des sowjetischen Staatsplan Doping. Auch für die DDR-Auswahl jener Jahre ist Doping über Stasi-Akten nachweisbar.

Eine weitere große Mannschaft der Fußballgeschichte, die nachträglich des Dopings überführt wurde, hat vor noch nicht allzu langer Zeit gewirkt: Juventus Turin erreichte von 1996 bis 1998 immer das Champions League-Finale, und das nicht nur mit gutem Fußball. Ein Gericht hat bestätigt, dass zu jener Zeit das populäre Mittel EPO von den Spielern eingenommen wurde – ein Mittel, das sonst eher im Zusammenhang mit Radsportlern genannt wird.

Die Dopinggeschichten ließen sich beliebig weiter fortführen: Von Franz Beckenbauer, der Blutdoping in den 70ern offen zugab, über die Einnahme des Aufputschmittel Capagon in der Bundesliga in den 80ern bis hin zum Fuentes-Skandal unserer Tage. Fuentes wird zwar oft nur mit Doping im Radsport in Verbindung gebracht, es gibt aber auch Indizien, dass er im Fußball aktiv war: Die französische Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte schon vor mehreren Jahren einen Bericht, in dem Fuentes angeblich behauptet, dass auch Real Madrid und der FC Barcelona zu seinen Kunden zählten – und damit auch fast die komplette aktuelle Weltmeistermannschaft aus Spanien. Beide Vereine klagten erfolgreich dagegen, was die Aussagen der „Le Monde“ jedoch nicht weniger glaubwürdig macht. Denn viele Kritiker befürchten, dass im Fuentesfall nicht allen Spuren glaubwürdig bis zum Ende nachgegangen wurde, gerade im Fußball, der ein spanisches Nationalheiligtum darstellt. Besonders ein Interview mit Stéphane Mandard, dem Chef der Sportredaktion der „Le Monde“, ist in diesem Zusammenhang höchst interessant.

Die anhaltenden Beteuerungen, dass es im Fußball kein Doping gibt, scheint wenig nachvollziehbar. Schaut man sich die Leistungen an, die die Sportler heute erreichen, wirkt Doping im Spitzensport logisch: Das Laufpensum hat sich in den letzten 30 Jahren pro Spiel mehr als verdoppelt, die Anzahl der Spiele hat sich auch erhöht. Spitzenfußballer haben heutzutage zehn Monate am Stück zwei Spiele pro Woche, in denen sie über 10 km zurücklegen, knapp zwanzig Prozent davon im Sprint. Wenn schon weit weniger eindrucksvolle Leistungen in den 70ern nur unter Doping erreicht werden konnten, scheint es unglaubwürdig, dass man nur aufgrund neuer Methoden in der Trainingslehre heutzutage weitaus bessere Leistungen erbringen kann. Zumindest Doping im regenerativen Bereich ist bei den unphysiologisch geringen Verletzungszeiten mehr als wahrscheinlich. Solche Dinge muss man auch im Hinterkopf behalten, wenn man sich die Leistungen anschaut, die manche Spieler und Nationen bei einer Fußballweltmeisterschaft abliefern.

Aber der Fußball wird weiter sein sauberes Image behalten, und niemand hat ein Interesse daran, einen Skandal hochzubeschwören, gerade in Zeiten, in denen Rekordwerbesummen verdient werden und in denen Anders Iniestas Tor am Wochenende weltweit Rekordquoten im Fernsehen einheimste. Wohin ein Dopingskandal nämlich führen kann, hat jüngst der Radsport gezeigt: Das Interesse am Sieg Andy Schlecks am Sonntag hätte kaum geringer sein können…

Vom totalen Fußball zum totalen Opportunismus

10. Juli 2010

Am Sonntag wissen wir, wer der neue Fußballweltmeister wird, eins ist jedoch jetzt schon sicher: Der Sieger des Finales wird seinen ersten Weltmeistertitel erringen. Obwohl beide Mannschaften bei Weltmeisterschaften der letzte Erfolg bisher vergönnt war, würde kaum jemand bezweifeln, dass im Endspiel zwei Fußballgiganten aufeinander treffen. Gerade Holland hat sich in den letzten Jahrzehnten mit seinem charakteristischen Kombinationsfußball mit Hang zur leichten Arroganz in der Weltspitze etabliert. Dabei scheint es kaum vorstellbar, dass die Niederlande vor fünfzig Jahren in der Fußballwelt keinerlei Bedeutung hatten. Als Beweis für diese kühne These soll ein kleines Zahlenspiel dienen: Zwischen 1949 und 1955 gewannen die Niederländer gerade einmal zwei von ihren 27 Spielen – die heutige Nationalmannschaft Luxemburgs hat in seinen letzten 27 Spielen genauso viele Siege errungen. Die Niederlande war also ein waschechter Fußballzwerg.

Und dann kam Johann Cruyff. Seine Gestalt überragt den gesamten holländischen Fußball. Seine Rolle wird oft mit der von Franz Beckenbauer im deutschen Fußball verglichen – eine übergroße Lichtgestalt, die über allem steht und deren Meinung heilig ist. Aber dieser Vergleich geht nicht weit genug: Franz Beckenbauer ist ein herausragender Teil des deutschen Fußballs – Johann Cruyff ist der niederländische Fußball. Zusammen mit seinem Trainer und Mentor Rinus Michel revolutionierten die beiden die Fußballtaktik und sorgten dafür, dass die niederländische Mannschaft von 1974 trotz der Finalniederlage gegen Deutschland als eines der besten Fußballteams aller Zeiten gilt.

Ihre Ideen waren genauso simpel wie erfolgreich: Zuvor wurde größtenteils Manndeckung betrieben und der Gegner bis zum eigenen 16er kaum gestört. Holland machte es genau anders herum: Der Gegner wird mit raumdeckendem Pressing bereits in dessen Hälfte unter Druck gesetzt, damit sich dessen Aufbauspiel gar nicht erst entfalten kann. Sobald man den Ball dann hatte, ließ man ihn geduldig zirkulieren, bis sich der Gegner kaputt gelaufen hat, um ihn dann durch Positionswechsel und Pässe in die Tiefe den letzten Stoß zu geben.

Dass diese Art von Fußball im liberalen Holland entstand, ist sicherlich kein Zufall. Die Ideologie, nichts dem Schicksal zu überlassen, passt nämlich perfekt zu dem Land in jener Zeit, das zu den säkularsten der Welt gehörte. Man setzte nicht einfach elf gute Fußballspieler ein und hoffte, dass der Fußballgott ihnen einen guten Tag schenkt; Fußball wurde minutiös geplant. Das begann beim Training und hörte bei der taktischen Marschroute für das Spiel auf. Die holländischen Spieler waren immer einen Tick fitter und einen Tick besser eingestellt als ihre Gegner. Mit dieser Art von Fußball stieß man schnell in die Weltspitze und etablierte in Holland eine Fußballkultur, die Cruyff und das schöne Kombinationsspiel abgöttisch verehrt. Auch in den kommenden Jahrzehnten schickte man oft tolle Fußballteams zu Turnieren, die die Tradition des „Voetball Total“ hochhielten.

Gebracht hat all der schöne Fußball in den letzten vierzig Jahren jedoch nichts außer anerkennenden Worten und einen EM-Titel 1988. Die Holländer starben bei WMs stets in Schönheit, wie es der Volksmund so schön umschreibt. Doch genau das hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Schon unter Advocaat und dann vor allem unter van Basten war zu erkennen, dass die Holländer abkehren vom offensiven „Voetball total“. Bei der EM vor zwei Jahren glänzte man in der Vorrunde mit gut organisierter Defensive und nadelstichartig gesetzten Kontern. Bert van Marwijk baute diesen Stil noch aus und setzt auf effektiven, pragmatischen Fußball. Kritiker werfen dem niederländischen Spiel einen „totalen Opportunismus“ vor, dem es nur um das Ergebnis geht. Dass die Holländer so spielen, ist nach den Jahrzehnten vergebener Mühe kein Wunder. Arjen Robben brachte die Metamorphose des holländischen Fußballs auf einen Punkt: „Ich möchte lieber ein hässliches Spiel gewinnen, als dass wir schön spielen und am Ende verlieren.“

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass man genau auf Spanien trifft, die die wahren Erben des Cruyff’schen „Voetball Total“ sind. Die niederländische Mannschaft ist aufgrund ihres eher unansehnlichen Stils in der Heimat nicht unumstritten. Fußballgott Johann Cruyff hat das ausgesprochen, was wohl so mancher in seinem Heimatland denkt: „Wen ich unterstütze? Ich bin Niederländer. Aber ich unterstütze den Fußball, den Spanien spielt.“

Eine linke Revolution beim DFB

4. Juli 2010

„Besser geht’s nicht, oder?“, „Deutschland auf dem Weg zum Titel“, „Ganz clever gespielt von der deutschen Mannschaft“ – die Leistung von gestern wird von der nationalen und internationalen Presse in den höchsten Tonen gelobt. Hätte vor zehn Jahren jemand behauptet, die deutsche Mannschaft wäre eines Tages die spielstärkste Mannschaft eines WM-Turniers, der durchschnittliche Fußballfan hätte nur müde gelächelt. Zu jener Zeit hatte der Rumpelfußball Hochkonjunktur, schön spielten die anderen. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich im deutschen Fußball einiges verändert. Wie kommt es, dass Deutschland heute so anders spielt als noch vor zehn Jahren?

Am Anfang einer jeden Veränderung steht oft eine Niederlage. Wer siegreich ist, sieht meist wenig Grund für eine innere Veränderung. Das gilt nicht nur für gesellschaftliche und politische Prozesse, sondern auch für fußballerische. In diesem Sinne konnte dem deutschen Fußball eigentlich nichts Schlimmeres passieren als die Titel bei der WM 1990 und der EM 1996. Denn während auf der ganzen Welt, von Brasilien bis nach Spanien, die Weichen für die Umstellung auf eine neue, moderne Art des Fußballspielens gelegt wurden, lief in Deutschland alles weiter wie früher. Keiner wollte an den veralteten Gewohnheiten wie Manndeckung und dem Spiel mit Libero sägen, wieso auch? Man hatte doch zwei Titel in einem Jahrzehnt gewonnen, ganz ohne modernen Taktikschnickschnack.

Erst zwei Niederlagen setzten einen Prozess der Erneuerung in Gang: Die 0:3-Niederlage im Viertelfinale der WM 1998 gegen Kroatien rief einige Modernisierer auf den Plan, aber erst das vollkommen unterirdische Abschneiden bei der EM 2000 machte klar, dass es mit der deutschen Marschroute nicht weiterging. Taktische und spielerische Mängel ließen das deutsche Team wirken, als wäre es mit einer Zeitmaschine direkt aus dem Jahr 1970 auf den Platz teleportiert worden. Hatte man in den letzten fünfzig Jahren stets Erfolg mit den „deutschen Tugenden“ gehabt, wurde allen konservativen Fußballkräften klar, dass im 21. Jahrhundert mehr benötigt wird als eine bravourös kämpfende Einheit.

Schaut man sich die Geschichte des deutschen Fußballs an, so zeigt sich, dass das Fußballspiel schon immer mehr als Kampfspiel denn als Ballspiel aufgefasst wurde. Das hat historisch seine Wurzeln im Militarismus und dem Führerprinzip der 10er, 20er und vor allem 30er Jahre, was auch auf den Fußball abperlte. Werte wie „Unterwürfigkeit gegenüber dem System“ und „Kampf bis zum Umfallen“ wurden damals von der Gesellschaft auf den Fußball übertragen, der das Volk zu „deutschen Tugenden und totaler Unterwürfigkeit“ erziehen sollte – und wollte, auch wenn der DFB lange Zeit seine Rolle im Nazi-Zeitalter schönredete.

Wer glaubt, dass diese Werte aus der (Vor-)Nazi-Zeit heute keinen Einfluss mehr haben, der braucht sich nur die durchschnittliche Berichterstattung nach einem Spiel anzuschauen: Wenn ein Spieler zahlreiche technische und taktische Fehler in einem Spiel begeht, wird er kritisiert – aber wenn ein Spieler (angeblich) nicht gekämpft hat, ist das für ihn das Todesurteil in der deutschen Berichterstattung. Selbst nach dem Sieg gestern wurde überproportional häufig das Wort „großer Kampf“ benutzt, obwohl es eigentlich das genaue Gegenteil war, eine große taktische und spielerische Leistung. Und auch der anhaltende Glaube daran, dass eine Mannschaft einen „starken Führer“ braucht, wurde mit der Verletzung Michael Ballacks kurz vor der WM noch einmal eindrucksvoll aufgezeigt. Fußball war in Deutschland stets eine konservative Sphäre, die noch länger als die sonstige Gesellschaft an altdeutschen Werten und Tugenden festhielt.

40 Jahre lang lief es so für den deutschen Fußball gut. Man war ein eingeschworenes Team, das im Zweifelsfall die besten Manndecker der Welt hatte, die bis zum Umfallen kämpften. Die wahren Helden der drei Weltmeistertitel waren Werner Liebrich, Berti Voigts und Guido Buchwald, die die zentralen gegnerischen Spieler Hidegkuti (Ungarn 1954), Cruyff (Niederlande 1974) und Maradona (Argentinien 1990) mit harter Manndeckung aus dem Spiel nahmen. Doch seit den 90er Jahren reicht Kampf und Manndeckung nicht mehr aus, um ein Spiel zu gewinnen. Das hat zum Einen damit zu tun, dass die Vorteile der Raumdeckung immer offensichtlicher wurden, zum Anderen mit der zunehmenden Geschwindigkeit des Spiels. Die über 90 Minuten anhaltende Konzentration, die früher dank effizienten Konditionstrainings eine deutsche Stärke war, ist heute zum Standart geworden. Früher waren die deutschen Tugenden eine Sieggarantie – heute muss jede Mannschaft 90 Minuten kämpfen, sonst hat sie automatisch verloren.

Genau in dieser Zeit, als der deutsche Fußballfan sich kaum noch wagte, ein Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft anzuschauen, kamen nach einer völlerschen Übergangsperiode Jürgen Klinsmann und Jogi Löw an die Macht. Sie krempelten den deutschen Fußball komplett um, mit Hilfe eines für einen DFB-Präsidenten eines sehr guten Jugendleiters Matthias Sammers und eines unerhört liberalen Theo Zwanzigers (der aber trotzdem ein recht konservativer Mensch ist, siehe seine langjährige CDU-Mitgliedschaft). Mit ihnen wurde der Muff von hundert Jahren aus dem DFB (zumindest teilweise) vertrieben, der deutsche Fußball wurde vom Kampf- zum Spielsport umgeschult. Den Lohn dafür sah man gestern: Deutschland gehört zu den spielstärksten Mannschaften der Welt. Ein Umstand, der vor zehn oder zwanzig Jahren als unmöglich schien.

Es bleibt nur zu hoffen, dass auch nach der WM dieser Kurs weiter beibehalten wird. Im Hintergrund des DFB drohen die ohnehin rumorenden, konservativen Kräfte den deutschen Fußball erneut um hundert Jahre zurückzuwerfen, in dem sie Bierhoff und Löw am liebsten entmachten würden. Derzeit sieht es aber zum Glück ganz gut aus…

Die Kreuzigung und Wiederauferstehung des Sohn Gottes in Argentinien

2. Juli 2010

Das kollektive Gedächtnis Argentiniens erinnert sich noch immer an den 30. Juni 2006, der Tag, an dem man sich im Viertelfinale der WM den Deutschen geschlagen geben musste. Jedoch erinnert man sich nicht an die verschossenen Elfmeter oder die Paraden von Jens Lehmann, eine andere Szene hat sich eingebrannt: Es war die 72. Minute, in der der vollkommen wirkungslose Riquelme ausgewechselt wurde (der angeblich auch angeschlagen war, wobei das heute als eine Schutzbehauptung gilt). Und anstatt einen anderen offensiven Mittelfeldspieler zu bringen – immerhin saßen die Kreativgenies Messi und Aimar auf der Bank der Argentinier – welchselte der argentinische Trainer Pekerman Cambiasso, einen zweiten defensiven Mittelfeldspieler, ein. Bis heute hält sich in Argentinien standhaft die Meinung, dass in diesem Moment das Spiel verloren wurde. Das, was danach kam, war eigentlich irrelevant.

Doch was ist daran so skandalös, wenn beim Stande von 1:0 in einem Viertelfinale der Weltmeisterschaft ein defensiver für einen offensiven Fußballspieler kommt? Für den europäischen Fußballfan nichts, für den argentinischen alles, denn nirgendwo auf der Welt wird der Spielmacher klassischer Art so vergöttert wie in Argentinien. Seit Maradonas großer Zeit in den 80ern werden die Spielmacher wie Gottes Abbild auf Erden verehrt. Ein Spiel ohne freien Mann hinter den Spitzen? Undenkbar! Der Spielmacher ist in Argentinien der Volksheld. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich Maradona seit dem Ende seiner Karriere einen Fehltritt nach dem anderen erlauben darf, ohne dass dies seiner Popularität allzu großen Abbruch tut. Vieles, was in Deutschland als Größenwahn durchgeht, wird in Argentinien den zentralen Spielmachern gestattet.

Genau daher bezog der Spielmacher Riquelme zu jener Zeit seinen Ruhm in Argentinien, obwohl er nie den ganz großen Durchbruch auf Vereinsebene geschafft hat. Bei Barcelona konnte er sich nie durchsetzen, nur bei kleineren Vereinen wie Villareal brillierte er, was vor allem mit seinem Spielstil zu tun hat: So gut er Bälle verteilen kann, so sehr läuft das Spiel in der Defensive an ihm vorbei. Er brauchte eine freie Rolle im Spiel abseits taktischer Marschrouten, die es heute eigentlich nicht mehr gibt. Das war auch sein Untergang im Vereinsfußball, der seine verlorene Rolle bei der Weltmeisterschaft 2006 schon im Vorhinein aufzeigte.

„Riquelme erinnert uns an die Zeit, als das Leben noch langsam lief und wir die Stühle vor die Häuser stellten und gemeinsam Fußball schauten.“ Dieses Zitat eines argentinischen Fußballfans belegt, wie tief der Spielmacher in der Kultur Argentiniens verwurzelt ist. Und doch war mit der WM 2006, sehr zum Murren der argentinischen Fans, das Ende des klassischen Spielmachers in Sicht, denn die freie Rolle hinter den Spitzen und die Fixierung auf einen zentralen Spielmacher gilt schon länger nicht mehr als zeitgemäß. Es schien das Ende der Erben von Maradona.

Doch dann kam der Meister höchstpersönlich: Diego Maradona wurde Trainer der Albiceleste. Und führte passend zur WM 2010 den freien Spielmacher wieder ein. Heute heißt er Messi und darf im Spiel der Argentinier machen, was er will. So gut wie jeder Ball aus der Defensive geht zunächst zu Messi, der dann die weitere Ballverteilung übernimmt. Das klassische argentinische System, leicht modernisiert, jedoch eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Vor allem, wenn man bedenkt, wie stark dieses System die anderen kreativstarken Spieler wie Tevez oder di Maria beschneidet. Die Schwächen dieser Spielphilosophie zeigte Griechenland in der Gruppenphase gnadenlos auf: Durch die konsequente Manndeckung Messis durch Papastathopoulos fand Argentinien nicht statt. Ein Tor nach einem Standart wurde benötigt, um den Bann gegen die Griechen zu brechen.

Die große Reform des argentinischen Fußballs, in dem der klassische Spielmacher zu Gunsten eines alle Spieler einbeziehenden Systems beschnitten wird, steht also noch aus. Vielleicht erweist sich Argentiniens System auch im 21. Jahrhundert als tragfähig – vielleicht steht die Reform aber auch schon morgen nach einer erneuten Viertelfinalpleite gegen Deutschland an…

Das neue, alte Brasilien

1. Juli 2010

Hätte jemand vor einem Jahr den weltweiten Fußballfans ein Viertelfinale zwischen Niederlande und Brasilien versprochen, man hätte sich schon im Vorhinein den Tag frei genommen, um diesem Spiel beiwohnen zu können. Doch nun, einen Tag vor diesem Viertelfinale, hat sich die Vorfreude stark abgeschwächt, denn der bisherige Turnierverlauf hat gezeigt, dass beide Mannschaften keineswegs auf kreativschwangere Offensive setzen, wie es der fußballerische Stereotyp aussagt. Gerade die Brasilianer suchen ihr Heil in der kontrollierten Offensive statt in dem für sie stereotypischen Samba-Fußball.

Der Mann, der diese „neue Effizienz“ nach Brasilien brachte, heißt Carlos Dunga, seines Zeichens brasilianischer Nationaltrainer seit 2006, und ist in seiner Heimat alles andere als unumstritten. „Nur der WM-Titel kann Dunga den Job retten“, ist schon so etwas wie die Standartfloskel aller Kommentatoren bei Brasilienspielen geworden. Tatsächlich wünschen nicht wenige in Brasilien Dunga ein Versagen im Viertelfinale. Sein Spielstil, der sehr viel Wert auf eine gut organisierte Defensive legt, ist ebenso unbeliebt wie seine überprofessionelle Art. Ein Beispiel ist hierfür der Aufschrei, den Dunga mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit beim brasilianischen Training auslöste. Im professionellen Fußball des 21. Jahrhunderts ein absoluter Standart, passt dies so gar nicht zur brasilianischen Mentalität. Ein häufig gehörter Vorwurf gegen Dunga: Er will die Nationalmannschaft „deutsch machen“ und ihr die brasilianische Seele wegnehmen. So oder so ähnlich liest sich das in vielen Medien.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Wenn man sich Brasiliens Weltmeisterschaftsgeschichte anschaut, dann sieht man, dass der pure Sambafußball nie zum Titel geführt hat, im Gegenteil: Die Spielergeneration der 70er und 80er Jahre um Zico und Falcao, die wohl den offensivsten und fintenreichsten Sambafussball aller Zeiten gespielt hat, errang nie den Weltmeistertitel. Die große Weltmeistermannschaft der 50er und 60er um ihren genialen Kopf Pele wird in diesem Zusammenhang gerne als ordnungsfreie, zaubernde Truppe vom Zuckerhut verklärt, in Wahrheit war sie das ziemliche Gegenteil: Eine gut organisierte Mannschaft, die 1958 die Raumdeckung (wieder)entdeckte und aus einer gut organisierten Defensive auf schnelle Angriffe und geniale Einfälle von Pele und Didi setzte. Diese taktische Marschroute in Kombination mit einer beispiellosen Professionalität (der Legende nach wurden vor der WM 1958 470 Zähne bei den Spielern gezogen) sorgte für drei von vier gewonnen Weltmeisterschaften zwischen 1958 und 1970.

Nach diesen Triumphen kamen in Brasilien immer mehr die großen Zauberer und genialen Einzelkönner in den Mittelpunkt: Rivelino, Zico, Socrates, Falcao. Bei den Weltmeisterschaften zwischen 1978 und 1990 spielte man zwar stets den schönsten, offensivsten Fußball, scheiterte aber immer vorzeitig. Erst 1994 gewann man wieder den Weltmeistertitel, jedoch mit einer ganz anderen Marschroute: „Es ist an der Zeit, endlich mal wieder den Cup zu holen“, gab Trainer Parreira zu Protokoll – egal wie. Und so wurde Brasilien 1994 und 2002 erneut Weltmeister, beide Male mehr mit Effizienz und Kampf als mit Spektakel. 1994 dabei: Dunga.

2006 sollte erneut die Idee des Spektakels triumphieren, doch es endete in einer lustlosen Performance Brasiliens, das völlig zu Recht im Viertelfinale gegen Frankreich ausschied. So wurde der Weg frei für den Reformer Dunga. Mit großer Reform oder „Verdeutschung“ hat die brasilianische Nationalmannschaft von 2010 allerdings wenig zu tun, man setzt schlicht auf Tugenden, die Brasilien bereits fünfmal zum Sieg führten: Kontrollierte Offensive und absolute Professionalität. In Brasilien nehmen ihm das nicht wenige Übel: Dort hat die Nationalmannschaft der 80er Jahre noch immer einen besseren Ruf als die von 1994 und auch von 2002.

Und deshalb wird auch sicher beim Spiel morgen die Floskel nicht fehlen: „Alles andere als der Weltmeistertitel wird Dunga in seiner Heimat nicht verziehen.“

Wie der spanische Fußball holländisch wurde

30. Juni 2010

Es gibt kein sportliches Ereignis, das die Welt so stark elektrisiert wie eine Fußballmeisterschaft. Kein anderer Sport eignet sich so sehr für die Projektion nationaler Sehnsüchte und Identitäten auf die jeweiligen Nationalspieler. Fußball, das sind wir, das ist ein Teil unserer Kultur, und jede Kultur sieht und erfährt Fußball unterschiedlich. Jeder kennt die Stereotypen von ballzaubernden Brasilianern, bis zum Umfallen kämpfenden Deutschen oder mit elf Mann verteidigenden Italienern. Doch es ist nicht mehr alles, wie es einmal war: Fußballidentitäten verschmelzen mehr und mehr. Ein Schlagwort, das wohl in jedem zweiten gesellschaftlichen Zusammenhang Schlagzeilen macht, hat auch seinen Einfluss auf den Fußball: Globalisierung. In mehreren Beiträgen soll an dieser Stelle gezeigt werden, wie nationale Fußballidentitäten sich in den letzten Jahren verschoben und verändert haben.

Es gibt wohl kein besseres Beispiel für ebendiese Prozesse wie den spanischen Fußball. Dieser stand zwar schon immer für gutes Kurzpassspiel und hohe technische Fertigkeiten. Doch was Spanien bei der Europameisterschaft 2008 gespielt hat und nun auch bei dieser WM praktiziert, geht noch ein ganzes Stück weiter: Endlos wirkende Ballstaffagen, Ballbesitz von weit über 60 Prozent, Passgenauigkeitsquoten von über 90 Prozent. Eigenschaften, die man sonst eher dem holländischen Fußball der 70er Jahre andichtet.

„Voetball Total“ nannte sich dieser holländische Fußball. Die Idee dahinter stammt vom größten holländischen Spieler persönlich: Johann Cruyff. Dabei machte sich dessen großes Interesse an holländischer Geschichte zugute. Denn er lernte, dass holländische Armeen im Mittelalter Schlacht nach Schlacht gewannen, in dem sie Gegner mit Wassergräben unter Druck setzten und die Versorgungswege abschnitten. Die Idee: Den Gegnern den Raum wegnehmen. Dieses simple Prinzip übertrug er zusammen mit dem Nationaltrainer Rinus Michels auf den Fußball: Durch andauerndes Pressing, Raumdeckung und weit vorn stehenden Verteidigern wird dem Gegenspieler der Raum genommen, sein Aufbauspiel entfalten zu können. Und bei Ballbesitz lässt man den Ball und damit auch den Gegner laufen, damit er gar nicht erst ins Spiel finden kann.

Diese heute weit verbreitete Spielphilosophie war zu jener Zeit revolutionär. Viele Fußballtheoretiker sagen, es sei die letzte große Revolution des Fußballs gewesen. Bei Weltmeisterschaften wurde diese große holländische Mannschaft jedoch nicht belohnt: 1974 und 1978 verlor man zweimal im Finale. Rund dreißig Jahre später wird der totale Fußball nicht mehr in Holland praktiziert. Heutzutage wird Spanien als der rechtmäßige Erbe dieses Spielsystems gesehen, denn keine andere Nation der Welt hat so ein gutes und effektives Passsystem wie die Spanier.

Doch wie kam der holländische „Voetball Total“ in das Land der Stierkämpfer und La-Ola-Wellen? Auch hier spielt Johann Cruyff eine große Rolle: Als er 1988 FC Barcelona übernahm, hatte der Verein wenig von dem großen Glanz heutiger Tage. Er stellte die Jugendarbeit und den Trainingsbetrieb komplett um und nahm sich das zu der Zeit weltweit führende holländische Jugendbild zum Beispiel. Durch geschickten Einkauf von technisch hochwertigen Spielern ließ er mit dem FC Barcelona den womöglich „totalsten Fußball“ aller Zeiten spielen. Zu Hochzeiten des Teams waren die Gegenspieler froh, wenn sie überhaupt mal einen Ballkontakt hatten.

Durch den Erfolg des FC Barcelona kamen auch andere spanische Vereine zur Umstellung des Fußballsystems. Der Fokus auf Technik und Taktik und modernste Trainingsmethoden in der Jugendarbeit ist nirgendwo so ausgeprägt wie in Spanien. Die spanische Jugendarbeit, vor allem die des FC Barcelona, brachte dadurch einige der besten Spieler der letzten zehn Jahre hervor. Auch bei dieser WM zeigen die Xavis und Iniestas, warum ihr Fußball als der vollkommenste der Welt gilt, auch wenn sie (noch) nicht so brillieren wie noch vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft.

Im Übrigen gibt es neben Johann Cruyff noch andere prominente Verfechter des „totalen Fußballs“. Einer von diesen schickt sich gerade an, diese Art von Fußball auch in Deutschland zu etablieren: Louis van Gaal.

Lena Meyer-Betrügerut? Verschwörungstheorien zum Grand Prix

30. Mai 2010

Ganz Deutschland ist im Lena-Fieber. Der erste Grand-Prix Sieg seit fast 30 Jahren hat in Deutschland eingeschlagen wie eine Bombe. Endlich mal ein Triumph in diesem Wettbewerb, bei dem deutsche Beiträge in den letzten Jahren stets unter „ferner liefen“ stattfanden. Endlich der Beweis, dass der Eurovision Song Contest nicht aus Punkteschiebereien besteht, sondern dass auch ein mitteleuropäisches Land wie Deutschland gewinnen kann. Will man meinen.

Wer sich aber die Mühe macht, die internationalen Kommentare zu Lena Meyer-Landruths überwältigendem Eurovision-Songcontest Sieg durchzulesen, wird schnell merken, dass Verschwörungstheorien um Punkteschiebereien unter Nachbarn nicht nur eine deutsche Disziplin ist. Gerade die Osteuropäer werfen Deutschland vor, nur gewonnen zu haben, weil sie Punkte aus den Nachbarländern abgestaubt haben. Das klingt für den durchschnittlichen Mitteleuropäer zunächst einmal verrückt, die Kommentare bei der offiziellen Eurovision-Seite und bei Youtube quellen jedoch vor solchen Behauptungen über. Diese These lässt sich jedoch leicht widerlegen: Man nimmt einfach sämtliche Anrainerstaaten Deutschlands aus der Wertung. Das Ergebnis sähe folgendermaßen aus (in Klammern das Originalergebnis):

1. (1.) Deutschland 198
2. (3.) Rumänien 139
3. (2.) Türkei 135
4. (4.) Dänemark 133
5. (5.) Aserbaidschan 128

Ein zweiter, politisch viel brisanterer Erklärungsversuch für den Sieg der unorthodoxen deutschen Sängerin ist – man höre und staune – der EU-Rettungsschirm. Die These: Da Deutschland den Großteil der Bürgschaften für den Euro-Rettungsschirm übernehme, hätten sich die anderen Euro-Länder wohl gesonnen gezeigt und die Deutschen im Gegenzug mit Punkten überschüttet. Auch diese Behauptung lässt sich leicht überprüfen: Man streicht einfach die Wertungen der Euro-Länder Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Malta, Niederlande, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern. Heraus kommt folgendes Ergebnis:

1. (1.) Deutschland 164
2. (2.) Türkei 125
3. (9.) Georgien 115
4. (5.) Aserbaidschan 107
5. (3.) Rumänien 105

An beiden Verschwörungstheorien ist also nichts dran. Vielmehr muss man festhalten, dass Lena gerade wegen ihrer Beliebtheit quer durch ganz Europa gewonnen hat; sowohl Osteuropäer als auch Skandinavier als auch westeuropäische Staaten haben für Lena gestimmt.

Eine weitere Verschwörungstheorie soll aber an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Die Jurys, die zur Hälfte das Ergebnis eines Landes beeinflussen, hätten Deutschland aufgewertet, damit ein finanzkräftiges Land nächstes Jahr den Grand Prix ausrichten könne. Alle anderen Staaten hätten durch die Finanzkrise kein Geld für solch einen Luxus. Fakt ist: Die diesjährige verantwortliche Rundfunkanstalt aus Norwegen musste ihre Rechte für die Fußball-WM abtreten, damit sie das knapp 50 Millionen teure Spektakel finanzieren konnten. Es ist daher fraglich, ob Länder wie Georgien oder Bosnien-Herzogowina in der Lage wären, den Eurovision Song Contest überhaupt zu stemmen. Die Verschwörungstheoretiker sagen, Deutschland habe als eines der wenigen Länder in Europa genug Geld und genug Grand-Prix-Vernarrtheit für solch ein irrsinnig teures Unterfangen. Deshalb hätten die Jurys dafür gesorgt, dass Deutschland stets viele Punkte bekommt.

Oder vielleicht stimmt auch die abwegigste aller Verschwörungstheorien: Lena hat einfach gewonnen, weil sie die beste Sängerin war. Wer weiß…